Balkanreise by Nicola: pure Emotionen

Wenn es in der Schweiz um das Thema „Balkan“ geht, scheiden sich die Geister und es werden aufgrund von eigenen Erfahrungen mit Auswanderern aus dieser Region bzw. deren (Schweizer) Kinder, (Räuber-)Geschichten anderer Personen, Klischees oder Medienberichten die kontroversesten Diskussionen losgetreten. Wir hatten viel von der Schönheit dieser Gegend gehört und wollten uns selbst davon überzeugen, was alles an dem dran ist. Und eines vorweg: so manches Klischee trifft zu, andere wiederum so gar nicht.

Da wir aufgrund von Jennys‘ fortgeschrittener Schwangerschaft vom ursprünglichen Plan, unseren Roadtrip mit einem weiteren Segeltörn zu verbinden, wieder abgekommen sind, haben wir uns für Podgorica als Ausgangspunkt für unsere knapp dreiwöchige Reise entschieden. Im Gegensatz zu den „einschlägigen“ Flughäfen der Region, wie Split oder Dubrovnik, ist der Flughafen der Hauptstadt von Montenegro eher beschaulich und mit knapp zwei Dutzend Flügen pro Tag nicht besonders stark frequentiert, bietet jedoch ausgesprochen günstige Direktflüge von und nach Zürich. Ausserdem würde unser abschliessender Strandurlaub auch in Montenegro stattfinden, wodurch wir schnell wieder beim Flughafen wären.

Da ein öffentliches Verkehrsnetz in den Ländern Ex-Jugoslawiens abgesehen vielleicht von den grossen Städten non-existent ist, haben wir bereits im Vorfeld einen Mietwagen gebucht. Obwohl extrem gut versichert (von den totalen Mietkosten haben Versicherungen mit etwa 70% zu Buche geschlagen), ist der Mitarbeiter am Schalter der Vermietungsfirma merklich erbleicht, als er auf seine Frage, ob wir gedenken, das nagelneue Auto (800 KM auf dem Tacho) in ein anderes Land zu nehmen, mit „Bosnien“ und „Kroatien“ geantwortet haben. Und natürlich hat er uns postwendend einen Zuschlag für „das Führen eines Mietwagens in Ländern in welchen dies gemäss AGB nicht erlaubt ist“ aufgedrückt und einen dubiosen Stempel in den Mietvertrag gestampft. „Das kann ja heiter werden“, haben wir uns gedacht und wären – trotz aller Vorsicht – beim Ausfahren aus dem Flughafengelände schon fast gerammt worden. Diese Rücksichtslosigkeit und den Egoismus im Strassenverkehr, welche die Einheimischen (übrigens sehr oft auch mit CH-Nummer und BMW oder Merz) hier an den Tag legen, sollte uns während der ganzen Reise begleiten und regelmässig dazu führen, dass Nicola fast einen Herzinfarkt gekriegt hätte. Klischee Nr. 1: leider bestätigt.

Die ersten beiden Tage haben wir in der Umgebung von Podgorica verbracht, um uns zu akklimatisieren und einen Abstecher zum Skadar-See zu machen. Der grösste See des Balkans und seine Umgebung stehen unter Naturschutz und können nur mit geführten Bootstouren und unter Bezahlung einer Eintrittsgebühr in das Reservat angeschaut werden. Das Ganze ist jedoch äusserst lohnenswert, da der See zu grossen Teilen von Seerosen überwachsen ist, welche während unseres Besuchs gerade in Blüte standen. Ausserdem wird auf der Rundfahrt auch ein Badestopp gemacht, welcher eine willkommene Abkühlung von den schwülen Temperaturen bietet (gemäss Guide kann es im Sommer bis zu 45 Grad heiss werden). Da unser junger Guide auch sehr gut Englisch gesprochen hat, haben wir von ihm viel Wissenswertes rund um Montenegro und dessen Geschichte erfahren, so zum Beispiel auch, dass sich das kleine Land in den ganzen Jugoslawienkriegen mehrheitlich rausgehalten hat, dass die Regierung heute gerne in die EU möchte, obwohl die Bevölkerung dem skeptisch gegenüber steht (sie befürchten insbesondere hohe Zölle auf den hier ach so wichtigen Tabak) oder dass das Nachbarland Albanien und insbesondere dessen Einwohner als verrückt angesehen werden (sollten wir immer wieder hören).

Unsere erste lange Fahrstrecke sollte uns in etwa drei Stunden zum zweiten Etappenziel bringen: nach Mostar in Bosnien & Herzegovina. Die Betonung liegt hier ganz klar auf „sollte“: schlechte Strassen, welche auch noch unvermittelt und ohne Vorankündigung gesperrt werden, enorm zeitraubende Grenzübertritte zwischen den Ländern, Tiere auf der Strasse (Nicola hat fast einen Truthahn überfahren), plötzliche, sintflutartige Regenfälle oder Stau wegen Motorüberhitzung oder Unfällen haben uns bereits am ersten Fahrtag gelehrt, dass vernünftige Zeitschätzungen beim Verkehr hier wohl nicht möglich sind. Und so sind wir dann nach viereinhalb Stunden in Mostar angekommen… Die Stadt selbst entlohnte uns mit ihrer wunderschönen Altstadt, der weltbekannten Brücke und dem exzellenten Essen mehr als nur für die Strapazen. Da es auch einige lohnenswerte Ausflüge in der Region gibt – z.B. die Kravice-Fälle – und man in den Kriegsmuseen sehr viel Wissenswertes rund um den tragischen Konflikt in Bosnien lernen kann, können wir die Gegend sehr empfehlen. Punkto Essen. Klischee Nr. 2 „man isst hier (fast) nur Cevapcici“ hat sich bisher (in einem sehr positiven Sinn) ebenfalls erfüllt: solche riesigen und wohlschmeckenden Fleischportionen wie hier, kriegt man fast nirgends auf der Welt. Und wenn die Portionengrösse wieder einmal völlig over the top war, kann man sich das Ganze einfach einpacken lassen und einem der zahlreichen Bettler vorbeibringen (die Stadt ist auch heute noch in vielerlei Hinsicht vom Krieg geprägt).

Auf der Fahrt von Mostar nach Split, wo wir auf eine Fähre zur Insel Vis einschiffen wollten, wird dann mit jedem Dutzend zurückgelegte Kilometer mehr ersichtlich, dass es Kroatien wirtschaftlich wesentlich besser geht und die Bedeutung des Tourismus weitestgehend erkannt wurde: gut ausgebaute Autobahnen, ein besserer Umgang mit der Natur (in Montenegro und Bosnien werden Abfälle einfach dort fallengelassen, wo man sich gerade befindet und kleine Katzen welche in Restaurants um Futter betteln werden von Kindern gestreichelt oder geschlagen, wie es gerade beliebt und die Eltern schauen einfach zu, etc.), aber auch ein merklich höheres Preisniveau stechen im Staat mit dem grössten Teil der Adria-Küste ins Auge. Da könnte man meinen, dass die Einschiffung in der grössten Stadt im Süden Kroatiens einigermassen gut organisiert wäre. Zum Glück hatten wir, gemäss Faustregel von unserer Reise nach Bosnien, bereits 20% Extra-Zeit eingerechnet und diese nicht für die Fahrt selbst gebraucht. So konnten wir auch den einstündigen (!!!) Stau auf den letzten zwei Kilometern zum Hafen verkraften, ohne die Fähre zu verpassen (Grund für den Stau war übrigens, dass alle Einheimischen auf der Gegenspur oder „Schleichwegen“ nach vorne fahren und dort einfach reinquetschen, ohne Rücksicht auf Verluste).

Vis selbst gilt als eine der ruhigsten Inseln vor Split, da nicht wirklich partytauglich (die Nachbarinseln Hvar und Brac werden in der Hochsaison von feierwütigen Jugendlichen förmlich überrannt). Und weil selbst die einzige Sehenswürdigkeit, welche wir uns fix eingeplant hatten, während der Saison von Tagestouristen überschwemmt wird und die Preise für eine sechsminütige Besichtigung inkl. Bootstransfer entsprechend exorbitant sind (die Kroaten haben ein sehr ausgeprägtes Gespür für Angebot und Nachfrage), haben wir die drei Tage/Nächte vor allem relaxed und einfach nichts getan.

Die so angesammelte Energie konnten wir gut für die folgende Reise nach Dubrovnik (eine Enklave von Kroatien, d.h. man reist aus Kroatien aus und nach Bosnien ein und dann wieder zurück nach Kroatien), sowie die Besichtigung dieser altehrwürdigen und in neuerer Zeit insbesondere aus Game of Thrones bekannten Stadt gebrauchen. Und obwohl Dubrovnik zweifellos DER Touristenmagnet in der Gegend ist, sollte man sich davon nicht abschrecken lassen und ein, zwei Tage in und um die wunderschöne Altstadt verbringen: „rein, schauen, raus“ oder so…

Nach drei Ländern und dem ganzen Sightseeing war für die Schwangeren Strandurlaub angesagt. Nur, wo zum Teufel gibt es hier „richtigen“ Strand, d.h. mit Sand und nicht Kies? Wir wussten das natürlich und haben bereits im Voraus ein Häuschen in der Region des absoluten Geheimtipps in Europa, was Strandferien anbelangt, gebucht: Ada Bojana, ein Naturschutzgebiet auf einer Insel, von einem Flussarm getrennt von Montenegro und von einem anderen von Albanien. Dort wo der Fluss ins Meer fliesst, erstreckt sich ein 18 Kilometer langer und bis zu 400 Meter breiter Sandstrand aus feinstem, schwarzem Sand. Was noch besser ist: man kann sich tolle „Wasserbungalows“ entlang des Flusses mieten, von deren Terrassen man direkt in das kühle Nass springen kann. Eine riesige Kite-Only-Zone mit 90% Windwahrscheinlichkeit im Sommer gibt es auch und an jeder Ecke steht ein tolles Restaurant mit herrlichem frischen Fisch. Wenn man am Wochenende nicht gerade lärmempfindlich ist (das junge Partyvolk von Montenegro lässt es dann gerne am Strand oder in dem Flusshüttchen krachen), der absolute Traum!

Entsprechend endet hier unser Beitrag auch mit Klischee Nr. 4 und 5: wir wurden von der Schönheit der Gegend nicht enttäuscht und können sie ebenfalls nur loben. Auch die Menschen hier sind in einem positiven Sinn sehr emotional: wenn nicht gerade gegen alle gewettert wird, obwohl man selbst als einziger Esel in eine offensichtliche Einbahnstrasse gefahren ist und alle anderen blockiert, es aber nicht so sehen will, sind die Leute sehr herzlich, zuvorkommend und kontaktfreudig. Und kochen können die! Wir haben nie schlecht gegessen.

Unser Gesamtfazit: hinfahren, geniessen und einfach vor jeder Autofahrt ein Valium schlucken.

Balearentörn & Menorca by Nicola: Segeln kann auch relaxter sein

Mit dem erfolgreichen Bestehen der theoretischen Hochseeprüfung Anfang April, steht dem Sammeln der verbleibenden 750 Seemeilen zum Erhalt des Scheins nichts mehr im Weg. Da wir bereits auf diesen Umstand spekuliert hatten, nutzten wir die Zeit mit den vielen Feier- und Brückentage rund um den ersten Mai und Auffahrt für unseren zweiten Törn. Als Destination hatten wir uns diesmal für die Balearen entschieden.

Nach einem verspäteten Flug (wird ja für uns schon fast zur Gewohnheit), haben wir unseren Skipper und den weiteren Mitsegler in der Marina El Arenal getroffen. Es folgten Einkauf, eine sehr umfassende Sicherheitseinweisung und generelle Einführung zu unserer Benetau Cyclades 50.5, sowie die Besprechung der Route. Weil gemäss Wettervorhersage für die ersten beiden Tage zwar starker, aber auf die Ostseite von Mallorca beschränkter Wind angekündigt wurde, haben wir uns entschieden, aus «Rund um Mallorca» ein «Rund um die Hälfte von Mallorca und Menorca» zu machen und insbesondere die Ostküste von «Malle», sowie West- und Südwestküste der kleinen Schwesterinsel anzusteuern. Als Abschluss sollte die «Isla Cabrera», ein Naturschutzgebiet südlich von Mallorca dienen.

Was im Vergleich zum letzten Törn auf den Kanaren doch schockierend anders war, war das Preisniveau für Anlegeplätze im Hafen: Teneriffa, etc. um Weihnachten (!!!): durchschnittlich 30 bis 35 Euro; Mallorca / Menorca im Frühling, kurz vor Saisonbeginn: 80 bis 130 Euro! Entsprechend kam es allen sehr gelegen, dass die beiden Inseln viele wunderschöne Buchten haben, in welchen kostenloses Ankern erlaubt ist. Wir haben uns deshalb auf drei Übernachtungen in Häfen beschränkt und stattdessen viermal in traumhaften Buchten geankert, was nicht nur klare Sternenbeobachtung in der Nacht ermöglichte, sondern auch zum einen oder anderen witzigen und unvorhergesehenen Ereignis führte, so z.B. dem Ertappen eines Pärchens inflagranti, welches sich frühmorgens vermeintlich unbeobachtet leidenschaftlich am Strand paarte

Da es nicht unser erster Törn war, gab es selbstverständlich auch viele bereits bekannte Dinge: Knoten repetieren und anwenden, bei Manövern tatkräftig unterstützen, aber auch am ersten Tag bei kräftigem Seegang die Fische mit halbverdautem Mageninhalt füttern Lag bei Jenny aber evtl. auch an der Tatsache, dass sie einen «blinden Passagier» mitträgt und sich dadurch auch bei der Mitarbeit auf dem Schiff sehr stark zurücknahm (und Ablenkung senkt ja bekanntlich die Wahrscheinlichkeit von Übelkeit auf See).

Der lehrreiche Spass war nach einer Woche und knapp 210 Seemeilen aber leider auch schon wieder vorbei. Nachhause ging es für uns aber noch nicht, da wir eine Verlängerungswoche auf Menorca eingeplant hatten. Diese stand ganz im Zeichen der Erholung, des Geniessens und einiger kurzer Ausflüge, z.B. nach Ciutadella, zweitgrösste Stadt der Insel und eine Art «Mini-Bonifacio». Höhepunkt war aber zweifellos die Tagesmiete eines sportlichen Motorboots, mit welchem wir die schönsten Buchten angefahren sind.

Wir freuen uns schon auf die verbleibenden 550 Seemeilen und natürlich auch auf die nächsten Ferien.

Segeltörn Kanaren by Nicola: aller Anfang ist schwer

Individualreisender bleibt man wohl ein Leben lang. Erwartungen und Reisestil ändern sich aber zwangsläufig, speziell wenn man nicht mehr den Ferienumfang von Studenten hat und die 5-6 Wochen pro Jahr entsprechend gut geplant sein wollen. Wenn also ausgedehnte Rucksackreisen zeitlich nicht mehr drinliegen und Party und Dorm-Betten der Hostels nicht mehr den gewünschten Erholungswert bieten, man sich aber nicht ausschliesslich in Hotels und mit der Masse begnügen möchte, muss eine neue Form des Reisens her. Und so haben wir im letzten halben Jahr die Fortbewegung auf dem Wasser für uns entdeckt: den nationalen Motorbootschein haben wir bereits in der Tasche, derjenige für das Segeln auf Schweizer Gewässern sollte in den nächsten Monaten folgen und gleichzeitig sind wir bereits in der frühen Phase des Hochseescheins, auch wenn dessen Vervollständigung noch ein, zwei Jahre dauern dürfte, da man nicht nur eine 7-stündige Prüfung in Theorie und Navigation absolvieren, sondern auch 1’000 Seemeilen praktische Erfahrung nachweisen muss. Das Sammeln dieser Meilen erfolgt im Rahmen von Ausbildungstörns und so ist uns die Planung für unseren Weihnachtsurlaub entsprechend leicht gefallen: passendes Segelrevier gesucht (im Winter aufgrund Temperaturen nur Kanaren), Schiff mit Skipper gechartert und Flug gebucht.

Im Nachhinein betrachtet, hätten wir uns wohl etwas eingehender mit der Thematik beschäftigen sollen. Dann hätten wir evtl. auch bemerkt, dass die Kanaren als Starkwindgebiet mit ordentlichem Wellengang zählen (6-8 Beaufort, 2-3 Meter hohe Wellen) und die tägliche Segeldauer aufgrund der grossen Distanz zwischen den Inseln mit 7-9 Stunden relativ hoch ist. Mit diesem Wissen hätten wir uns wahrscheinlich auch die nicht so angenehmen Erlebnisse des ersten Tages erspart, als unsere Speiseröhre aufgrund des Seegangs beschloss, ihre Funktionsweise umzukehren und den Mageninhalt nach oben und über Bord zu befördern. Das kurzfristig eingenommene Medikament konnte am ersten Tag auch keine Abhilfe mehr schaffen und so wurden wenigstens die Fische zwischen Teneriffa und Gran Canaria mit einem vorgekauten Frühstück versorgt. Am zweiten Tag verhinderte die frühe Einnahme der Tropfen gegen Seekrankheit eine Wiederholung des Spasses, führte aber dazu, dass ein Faultier auf Valium mehr körperliche Aktivität zeigte, als wir. Ab Tag drei konnte uns die See dann auch ohne Chemie nichts mehr anhaben und wir konnten das Segelerlebnis geniessen und viel Erfahrung sammeln. Die Fahrstrecken wurden dadurch zwar nicht kürzer, aber wir waren endlich in der Lage, die hier heimischen Delfine und Wale zu sehen, Gespräche mit Skipper und weiterem Gast zu führen, Knoten und Segeltechnik zu vertiefen und ganz allgemein herunterzufahren. Dies hat auch darüber hinweggetröstet, dass die Inseln der Kanaren mit Ausnahme des sehr schönen La Gomera von See aus gesehen ziemlich trist sind und unser Kahn aufgrund seines Alters an einigen Stellen dem hohen Wellengang nicht mehr 100% widerstehen konnte und wir unser Bettzeugs abends manchmal trocknen mussten.

Auch die Hafenerlebnisse sind durchaus erwähnenswert: charmante Schiffsnachbarn wechselten sich mit dauersaufenden Russen ab, kleine Fischerhäfen mit grasvertickenden Hippies mit grossen, industriell ausgerichteten Häfen. Highlight eines jeden Tages im Hafen war das Bestaunen der – sehr oft nicht vorhandenen – Einpark-Fähigkeiten der Schiffsmieter. Und wenn dann noch an der falschen Stelle im Hafen angelegt wurde war eine kleine Prügelei zwischen „Falschparker“ und „Möchtegern-Stegbesitzer“ nicht ausgeschlossen.

Action gabs also genug und nachdem wir nun auch wissen, wo etwas gemässigtere Segelgebiete zu finden sind, wird die Geschichte sicher eine Fortsetzung haben.

Madeira & Porto Santo by Nicola: Bergwanderungen am Rande der Südsee

Zum ersten Mal seit vielen Jahren haben wir uns entschieden, für die langen Sommerferien nicht ans andere Ende der Welt zu reisen, sondern nach Island auch noch zwei weiteren, uns bis dahin unbekannten europäischen Inseln einen Besuch abzustatten: Madeira und Porto Santo. Grund für diese Entscheidung war übrigens nicht die angespannte internationale Lage, sondern die Aussicht auf ein eher unbekanntes Paradies. Leider waren die Aktivitäten der fundamentalistischen Bartträger im mittleren Osten aber vermutlich dafür verantwortlich, dass neben uns gefühlt halb Frankreich, Deutschland und England dieselben Destinationen ausgewählt haben. Mit der erwarteten kompletten „Touri-Ruhe“ war es entsprechend nicht weit her und beide Inseln nahezu ausgebucht. Da die Hotelinfrastruktur heute glücklicherweise noch gar nicht allzu viele Gäste zulässt, beschränkte sich der Grossauflauf auf einige Hotspots, welche entweder direkt mit dem Bus angefahren oder innert weniger Gehminuten erreicht werden können. Und das ist wohl DER Grund, weshalb wir totale Fans geworden sind: viel Natur, welche weitestgehend unberührt und unverdreckt ist, freundliche Einheimische, welche in Touristen nicht nur wandelnde Geldsäcke sehen, sehr frisches, saisonales und authentisches Essen anstelle des internationalen Einheitsbreis, geringe Unterschiede zwischen arm und reich, moderne aber zweckmässige Infrastruktur, kleinere Individualhotels und verhältnismässig wenig Verkehr. Verbunden mit dem angenehmen, sehr gleichmässigen Klima (tägliche Temperaturen immer zwischen 19 und 28 Grad) eine absolute Top-Destination zu (heute noch) erschwinglichen Preisen.

Ein Trip nach Madeira beginnt dabei bereits am ersten Tag mit einem kleinen Abenteuer, welches nach der Ankündigung des beginnenden Landeanflugs durch den Piloten anfängt: dieser gilt aufgrund der Lage des Flughafens zwischen Bergen und Meer als einer der anspruchsvollsten der Welt und so ist man – trotz spektakulärer Aussicht aus dem Fenster – ein bisschen froh, wenn man nach den Turbulenzen wieder festen Boden unter den Füssen hat und das moderne Gebäude des „Cristiano Ronaldo International Airport“ betritt. Der bekannteste Sohn der Insel hat übrigens nicht nur einen eigenen Flughafen, sondern auch ein Museum, ein Hotel und – wie könnte es anders sein – ein eigenes Fussballstadion. Obwohl wir bezweifeln, dass er selbst allzu oft einen Fuss auf die Insel setzt, darf man das so hier nie sagen, das käme Gotteslästerung gleich…

Dank der geringen Grösse des Flughafens ist ein Mietwagen schnell organisiert und man ist in Nullkommanichts auf den sehr guten Autobahnen unterwegs. Gewöhnungsbedürftig sind dabei lediglich die vielen Tunnels (Madeira hat mehr Löcher als ein Emmentaler Käse), die extremen Gefälle bei den Strassen wenn es einmal keinen Tunnel hat (mehr als 100 PS sind beim Mietwagen anzuraten, wenn man nicht unfreiwillig rückwärtsfahren möchte) und die ultrakurzen Autobahneinfahrten (ein Argument mehr für 100 PS plus; ideal wäre von 0 auf 100 in unter 4 Sekunden). Der unterkunftsmässige Hotspot der Insel ist dabei definitiv die Hauptstadt Funchal: die Häuser von knapp 150’000 Einwohner drängen sich an den Hügeln um den Hafenbereich, welcher übrigens wohl die einzigen paar Quadratmeter flachen Boden der gesamten Insel beinhaltet. Die Hotels sind meist klein aber sehr ausgefallen und befinden sich oft in ehemaligen Landhäusern mit riesigen Gärten darum herum. Apropos Gärten: diese sind hier neben CR7 (Cristiano Ronaldo) wohl die Hauptattraktion: es gibt den „offiziellen“ botanischen Garten, den Orchideengarten, den „Palastgarten“, den tropischen Garten und Dutzende weitere, liebevoll gepflegte Gartenanlagen, in welchen Pflanzen aus der ganzen Welt wachsen – man nennt Madeira schliesslich nicht umsonst „Blumeninsel“. Dieser Vielfalt begegnet man auch auf den zahlreichen, sehr empfehlenswerten Wanderungen auf der ganzen Insel: von den Kakteen an der trockenen Südküste, über die uralten Zedern im hügeligen Zentrum, bis zu Nadelbäumen in den hohen Bergen ist hier alles zu finden. Die Wanderwege sind meist in exzellentem Zustand, gut gesichert und sehr oft spektakulär, man darf sich jedoch nicht vor „Treppen-Marathons“ scheuen, welche jede stundenlange Session auf dem Stepper im Fitnessclub verblassen lassen. Und wo man in Funchal selbst dank alternativer Verkehrsmittel wie diverser Seilbahnen oder den „Carreiros do Monte“ – Holzschlitten, welche von zwei Herren gesteuert und gebremst werden und dank der extremen Steilheit der Strassen für eine rasante Talfahrt gebucht werden können – die Stufen teilweise noch umgehen kann, heisst es auf dem Rest der Insel „Zähne zusammenbeissen und durch“.

Zum Glück kann man sich auf Madeira bei anderen Aktivitäten immer wieder von den Wanderungen erholen: unsere Treks zwischen den zwei höchsten Berggipfeln „Pico do Arieiro“ und „Pico Ruivo“ (hin und zurück ca. 6 Stunden; 12 KM, 1’500 Höhenmeter), dem „Levada dos Cedros“ (ca. 7 KM, 300 Höhenmeter, 3 Stunden) und zum „Ponta do Furado“ (hin und zurück ca. 3 Stunden, 7 KM, 300 Höhenmeter; entlang der Küste) wurden aufgelockert durch Besuche der Natur – Pools von Porto Moniz (die Becken füllen sich durch die hereinbrechende Brandung), dem (kostenlosen) Skywalk von Cabo Girao, einem spektakulären Sonnenuntergang beim Ponta do Pargo und anderen kleineren Aktivitäten. Dabei soll natürlich auch ein weiteres Highlight nicht unerwähnt bleiben: das sensationelle Essen! Obwohl Vegetarier, welche keinen Alkohol trinken, wahrscheinlich verhungern und verdursten müssten, haben wir es uns bei „Espetadas“ (traditionelle Fleischspiesse), frischem Fisch, „Bolo de Caco“ (eine Mischung aus Fladen- und „normalem“ Brot, oft serviert mit hausgemachter Knoblauchbutter), „Poncha“ (Honig- und Zuckerrohrschnaps mit Zucker und Früchten), „Madeira – Wein“ (die hiesige Variante von Portwein), „grünem“ und „blauem“ Wein (wird aus sehr jungen Trauben gewonnen) gut gehen lassen.

Kommen wir zum einzigen Wehrmutstropfen von Madeira: die Insel hat, mit Ausnahme eines einzigen, künstlich angelegten und völlig überlaufenen Strand, keine wirklich schöne Bademöglichkeit. Da wir als routinierte Reisende natürlich sowas schon im Voraus wussten, hatten wir eine Lösung parat: wir fuhren mit der täglichen Fähre auf die – in unseren Kreisen weitestgehend unbekannte – Nachbarinsel Porto Santo. Und obwohl die gut 2-stündige Überfahrt mit nicht seefesten Touristen bei hohem Wellengang eine Tortur für Hör- (Geräusch von erbrechenden Menschen), Geschmacks- (Geruch von Erbrochenem) und Sehnerven (die ausgehändigten Kotztüten sind fast transparent, was einem einen eindrücklichen Einblick in die Mageninhalte der Mitreisenden beschert) war, hat es sich gelohnt: der sauberste, schönste und feinste Sandstrand ausserhalb der Südsee empfing uns. Zwar ist das restliche Angebot der Insel sowohl ess-, wie auch hoteltechnisch aufgrund der Unbekanntheit ziemlich eingeschränkt und unseren Mietwagen hätten wir für die gesamthaft etwa 30 Kilometer Strassennetz wohl auch nicht übersetzen lassen müssen, aber das war es wert! 9 Kilometer Strand für ein paar hundert Touristen! Keine „Liegestuhl an Liegestuhl – Situation“! Keine Zigarettenstummel, Dosen oder Becher am Strand oder im Wasser! Wir haben es sichtlich genossen und hoffen, dass sich die Insel dies noch lange so erhalten kann, auch wenn aufgrund der steigenden Zahl an direkten Charterflügen eine andere Entwicklung zu befürchten ist.

Island by Nicola: Feuer, Eis und jede Menge Gemütlichkeit

Die „ewigen Südtypen“ ziehen gen Norden… Jedoch nur kurzfristig: nach unserer erfolglosen „Nordlichtjagd“ vor einigen Jahren in Finnland, haben wir einen neuen Anlauf gewagt und sind in den hohen Norden zu den Nachfahren der Wikinger geflogen, ins Land zahlreicher Filmaufnahmen in spektakulärer Landschaften…nach Island.

Weil der einzige Direktflug aus der Schweiz (mit easyJet ab Basel) in aller Herrgottsfrühe geht, waren wir bei der (immer noch sehr frühen) Landung auf dem Flughafen Keflavik wohl so übermüdet, dass wir zwar sehr wohl realisierten, wie die Isländer im Duty-Free Alkoholvorräte für gefühlt mehrere Jahre horteten, uns aber trotzdem nicht viel dabei dachten. Wir waren einfach froh, dass uns ein Vertreter der Autovermietung abholt und wir unseren geländegängigen Mietwagen mit Spike-Bereifung und inklusive „Vulkan-Asche-Versicherung (weniger wegen möglicher Vulkanausbrüche als vielmehr wegen heftigen Orkanböen, welche mittels des Vulkangerölls jedes Auto innert Minuten „blank schleifen“) rasch in Empfang nehmen und dabei mit Mühe und Not unser Gleichgewicht auf den völlig vereisten Strassen und Gehsteigen halten konnten (deshalb auch die Spikes). Auch die enorme Gemütlichkeit und Stressfreiheit der Isländer haben wir wegen der Müdigkeit lediglich am Rand registriert.

Im gemieteten Apartment in Reykjavik angekommen, ist uns bei der ersten Erkundung der Hauptstadt (mit 200’000 Einwohner lebt hier etwa 2/3 der gesamten Bevölkerung Islands) jedoch einiges aufgefallen:

· An einem Herzinfarkt stirbt in Island definitiv niemand: die Öffnungszeiten selbst der grossen Läden sind maximal von 10:00 – 20:00 (die Regel ist eher 11:00 – 16:00), im Restaurant wird alles immer der Reihe nach erledigt (wenn wir z.B. bei unserer Bestellung Kaffee gewünscht haben und bereits sassen, wurde zuerst ohne Hektik der Kaffee serviert und erst dann der nächste Kunde begrüsst, auch wenn eine riesige Schlange gewartet hat) und auf der Autobahn gilt Tempo 90

· Island funktioniert nach einer „Selbstbedienungskultur“: Minibar im Zimmer oder Room-Service? Fehlanzeige. Bedienung im Restaurant am Tisch? Mit Ausnahme von Abendessen in sehr teuren Restaurants ein Unding (nicht einmal einkassiert wird am Tisch, sondern man bezahlt beim Gehen an der Bar). Eine kleine Schale Nüsschen zum Drink an der Bar? Holt man sich in kleinen Gläsern an der Bar. Selbst das (kostenlose) Wasser zum Essen holt man sich oft selbst am Wasserhahn. Wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat, ist das ganz ok.

· Das isländische Essen ist erwartungsgemäss sehr proteinhaltig: Lammfleisch, Fisch und Innereien stehen fast überall auf der Speisekarte, zum Frühstück meist begleitet von einem ordentlichen Schluck Lebertran (heute nicht mehr aus Walfischen gewonnen). Vegetarier haben ausserhalb von Reykjavik einen harten Stand, als richtiger Veganer würde man wahrscheinlich bald an Hungertod sterben.

· Die Preise sind enorm: egal ob im Supermarkt, Hotel oder beim Tanken: günstig ist hier nichts und insbesondere wenn es um Alkohol jeglicher Art geht, überlegt man sich selbst als Schweizer, ob ein Glas Wein die Investition wert ist. Andererseits gilt es auch zu erwähnen, dass das Qualitätsniveau der angebotenen Waren und Speisen im ganzen Land sehr hoch ist.

· Apropos Alkohol: abgesehen von lizenzierten Gastronomiebetrieben (Bars, Hotels, Restaurants) darf Alkohol mit mehr als vier Volumenprozenten nur im „Vinbudin“ verkauft werden. Und obwohl diese staatlich kontrollierten Läden mit Preisen aufwarten, die im Schnitt über dem dreifachen der Schweiz liegen, wird punkt 11:00 zu Ladenöffnung die Budin gestürmt. Böse Zungen würden nun behaupten, dass Steuern zur Suchtprävention wohl nur bedingt taugen…

· „Das Einzige, was auf Island gratis ist, ist das Wasser“. Diesen Kommentar hörten wir an einem der ersten Tage von einer – morgens um 10 bereits nicht mehr ganz nüchternen – isländischen Dame. Und das stimmt: in jedem Lokal gibt es kostenlos einen Krug des exzellenten isländischen Leitungswassers – auch wenn man nichts (!!!) konsumiert. In Hotels wird dieses Angebot sehr oft noch durch kostenlosen Kaffee und Tee ergänzt.

· Und um beim Wasser zu bleiben: im Gegensatz zum kalten Leitungswasser, verbreitet die warme Variante einen extrem abstossenden Gestank nach faulen Eiern. Und zwar immer… Grund dafür ist die intensive Nutzung von Geothermie: 60% der gesamten Primärenergie im Land und 90% des Heiswassers und der Heizenergie werden quasi kostenlos von der Natur zur Verfügung gestellt. Mittels fünf grosser Kraftwerke wird pro Kopf mehr Energie produziert, als irgendwo sonst auf der Welt. Entsprechend sind in Island auch einige stark energieintensive Branchen – wie die Aluminiumverarbeitung – angesiedelt und man geht mit dem heissen Wasser schon fast verschwenderisch um; weil die 60-90 Grad für den direkten Gebrauch im Haushalt zu heiss sind und man nicht das reine Trinkwasser zum Mischen verwenden möchte, wird speziell in Grossstädten das Wasser so lange unmittelbar unter den Strassen hin und hergeleitet, bis es genug kalt ist. Nebeneffekt im Winter: beheizte und damit eisfreie Strassen und Gehsteige. Einer der wenigen Nachteile des sehr günstigen Heisswassers: viele Isländer, welche wir getroffen haben, verbreiten insbesondere am Ende des Tages einen etwas strengen Geruch oder scheinen geradezu in Parfüm gebadet zu haben, um eben genau diesen zu übertönen. Dies liegt jedoch definitiv nicht daran, dass sie nicht geduscht hätten, sondern genau am Gegenteil: ein Deo muss extrem stark sein, um die mit Schwefel gewaschene Haut einen ganzen Tag lang geruchsfrei zu halten.

· Wir waren noch nie in einem Land mit derart stark gelebter Gleichberechtigung. Dies betrifft nicht nur das Verhältnis zwischen den Geschlechtern – es arbeiten mindestens so viele Frauen, wie Männer; auch in Managementpositionen sind sie gut vertreten – sondern auch die Aufgabenteilung innerhalb der Branchen: im durchschnittlichen – eher kleinen – isländischen Hotel arbeiten die 4-6 Angestellten alle im Rotationsprinzip im Service, an der Rezeption, in der Zimmerreinigung oder der Küche.

· Religion ist in Island ein interessantes Thema: wir schlossen aufgrund von Beobachtungen der Infrastruktur, dass Religion wohl einen grossen Stellenwert hat: egal ob in Reykjavik oder im durchschnittlichen 20-Seelen-Dorf auf dem Land: die Kirche steht immer im Mittelpunkt und ist jeweils sehr gut gepflegt und oft minimalistisch-modern gebaut. Gemäss Wikipedia ist diese Annahme insofern zutreffend, dass mehr als 90% der Isländer zwar nie aus der staatlichen Kirche austreten und entsprechend Kirchensteuern bezahlen, laut einer grossen Umfrage aber grösstenteils gar nie oder nur sehr selten zum Gottesdienst gehen. Mit der bezahlten Steuer möchten sie viel mehr die Kirchen und deren Geschichte bewahren.

Nun aber zurück zu unserem Trip: nachdem wir in der ersten Nacht trotz starker Müdigkeit aufgrund der Partymeute, welche vor den Lokalen in der Innenstadt lautstark herumgrölt, nicht viel Schlaf fanden, beschlossen wir am folgenden Abend, Feuer mit Benzin zu bekämpfen und nahmen selbst aktiv am Nachtleben teil. Dieses besteht ausschliesslich aus zahlreichen Bars – so etwas wie Discos gibt es auf Island nicht – welche meist gemäss einem Motto dekoriert sind und im Laufe der Nacht immer mehr zur Tanzfläche werden. Weil man aber überall immer anstehen muss (als Schweizer zum Glück nicht lange; Leute mit isländischem Ausweis mussten wesentlich länger in der Schlange warten), die Musik nicht gerade unserem Geschmack entsprach und der Alkohol so unverschämt teuer ist (ein Bier kostet etwa CHF 12.-), haben wir die Party aber lange vor deren Ende um 05:00 abgebrochen und sind einen kleinen Happen essen gegangen. Wer nun aber an Döner vom Steinengrill für 8.- denkt, liegt weit daneben: unser kleiner Hunger führte uns zwar zu einer Imbissbude und Burger mit Pommes gab es auch, aber statt Mayo oder Ketchup war Sauce Bérnaise drin, die Pommes sind in Paprika und Chilli getaucht und kosten tut das Ganze auch noch ein kleines Vermögen (20.- !!!). Wie zum Henker können sich junge Isländer das alles leisten und jede Woche zwischen Donnerstag und Sonntag Party machen?

Nach den kurzen Nächten wäre uns Wellness – etwas, wofür Island mit seinen vielen Thermalquellen auch bekannt ist – gelegen gekommen. Die „Blue Lagoon“, welche in der Nähe der Haupstadt liegt und in praktisch allen Reiseführern als Heiliger Gral der natürlichen Spas gepriesen wird, wäre dazu eigentlich ideal gewesen, noch dazu bei dem regnerischen Wetter, welches seit unserer Ankunft auf der Insel vorherrschte. Aber auch hier hat uns Island einen Strich durch die Rechnung gemacht: den Eintritt vor Ort zu kaufen kann man dank der riesigen, vornehmlich asiatischen, Menschenmasse, welche sich seit einigen Jahren täglich per Bustour über die Insel wälzt, vergessen. Die Lagune war für die nächsten zwei Wochen komplett ausgebucht, wohlgemerkt bei Preisen AB CHF 90.- pro Person! Gut, evtl. könnte man dies als Wink des Schicksals verstehen, gibt es doch in der Nähe von Reykjavik eine hübsche Alternative (Laugarvatn Fontana; am Wochenende jedoch von Isländern überrannt, welche die Blue Lagoon ebenfalls meiden) und über das Land verteilt noch viele – teilweise schönere und sehr oft kostenlose – Bademöglichkeiten, wo man sich nicht an übergewichtigen englischen oder alles fotografierenden chinesischen Touristen vorbeidrängeln muss. Unser Lieblingsbad ist übrigens das „Myvatn Nature Bath“, welches genau so intensiv blaues Wasser hat, wie die blaue Lagune und darüber hinaus inmitten einer gigantischen Bergkulisse liegt.

Entsprechend ohne Wellness ging unser Island-Umrundungsabenteuer los. Zu allem Unglück waren auch die ersten Tage davon, welche wir im Süden der Insel verbrachten, von weiteren, teils extrem heftigen Regenfällen durchzogen, sodass die Eindrücke durch Gullfoss (riesiger Wasserfall), Strokkur (bekanntester Geysir in Island, weil seine Eruptionen in regelmässigen Abständen von 6-10 Minuten erfolgen) und Skogafoss (weiterer Wasserfall) mehrheitlich getrübt wurden und das Licht für Fotos nicht ideal war. Dieses Wetter hatte aber auch Vorteile: so wurden wir nicht wirklich nässer als wir sowieso schon waren, als wir beim Seljalandsfoss hinter dem Fall durchgingen oder uns bei unserer geführten Gletschertour auf dem Solheimajökull mit Steigeisen und Pickel bewaffnet durch eine enge, wunderbar blau leuchtende Eishöhle quetschten J. Und laut unserem Guide bei der Gletscherbesteigung waren wir auch bei weitem nicht die Einzigen mit diesem Schicksal: so hat es seit August 2016 praktisch nie geschneit, sondern war viel zu warm und hat sehr oft geregnet. Wegen diesem nicht-vorhandenen Winter sind auch die Gletscher Islands noch viel schneller am wegschmelzen, als sowieso schon (50 Meter pro Jahr, statt 20-30 Meter). Und obwohl die isländischen Gletscher in den Vulkangebieten des Kalla und des Vatna die beiden grössten in Europa sind (der Gletscher des Vatna bedeckt 8100 Quadratkilometer und ist durchschnittlich 400 Meter dick; zum Vergleich: der Aletschgletscher bedeckt lediglich etwas mehr als 80 Quadratkilometer), werden sie vom voranschreitenden Klimawandel dahingerafft, sodass Forscher davon ausgehen, dass der Solheimajökull in 80 Jahren vollständig verschwunden sein dürfte. Einziger „Vorteil“ davon: bei einem Ausbruch von Kalla oder Vatna, würde wohl nur Island untergehen und nicht auch noch der Verkehr der gesamten Welt lahmgelegt (der unsägliche Eyjafjalla, welcher bei seinem Ausbruch 2010 Nicolas Heimreise aus Schweden mit seiner eisgeschwängerten Aschewolke um eine Woche verzögert hat, ist mit seinem 200 Meter messenden Krater und einer Eisdecke von durchschn. 50 Metern Dicke ein Winzling gegenüber Kalla und Vatna mit je bis zu 10 Kilometern Kraterdurchmesser und 750 Metern Eisdicke).

Manchmal waren Wetter und Zufall aber auch im Süden Islands wohlwollend gestimmt. Und so entpuppte sich unser Halt an einem „Parkplatz mit vielen leeren Touri-Autos“ als wahrer Glückstreffer: erstaunt über die verlassenen Fahrzeuge sind wir zu Fuss dem einzigen Weg in eine schier endlose Wüste aus schwarzer Lava gefolgt. Nach rund 30 Minuten Fussmarsch war der Parkplatz hinter uns verschwunden und am Horizont sah es immer noch genau gleich aus (eine schwarze Ebene…). Wir wollten schon umkehren, als uns endlich zwei Touristen entgegenkamen und eine gute und eine schlechte Nachricht überbrachten: die Schlechte war, dass der Weg noch 15 Minuten so weitergeht, die Gute, dass an dessen Ende nicht nur ein verlassener schwarzer Sandstrand lag, sondern darauf auch ein Wrack eines abgestürzten Flugzeugs zu finden ist. Die DC3 der US Navy bietet nicht nur ein sensationelles Bildmotiv, sondern ist trotz ihres Alters (abgestürzt ist das Flugzeug am 24. November 1973; alle Insassen haben überlebt) auch überaus gut erhalten. Der Grund dafür ist, dass der Absturz auf dem Privatgrundstück eines isländischen Bauers stattfand, sich dieser aber für seine „Lavawüste“ nie interessierte und das Wrack entsprechend auch nie bergen liess. Die US Navy hatte damals nur mitgenommen, was sie wieder verwerten konnten und den Rest liegengelassen (dieses Vorgehen ist laut Internet für die damalige Zeit „normal“; in Island sind zwischen 1941 und 1973 über 300 Flugzeuge von der nahegelegenen amerikanischen Luftwaffenbasis in Island abgestürzt). Dank den Bildern von Fotografen, sowie einem „Gastauftritt“ des Fliegers in einem Musikvideo von Justin Bieber, ist die DC3 so bekannt geworden, dass bis 2016 zehntausende von Touristen an den Strand gefahren sind. Weil die Strasse unbefestigt ist und sich das Wetter in Island sehr schnell ändern kann, kam es aber zu so vielen – teils tödlichen – Unfällen (im Schneesturm verfahren und erfroren, etc.), dass man heute die gesamten 10 Kilometer zu Fuss gehen muss.

Tödliche Unfälle (von einer Welle erfasst und weggespült), so wie die letzten Auswüchse des „Golden Circle Tourismus“ in Form von riesigen Bustouren, vermiesten uns auch etwas die nächsten zwei Sehenswürdigkeiten, weil Kirkjufjara und Reynisfjara (beides schwarze Strände mit sehr speziellen Gesteinsformationen) entweder geschlossen waren oder der Strand von El Arenal zur Hochsaison dagegen richtig unterbevölkert ausgesehen hat. Die Situation wurde erst besser, als wir weiter Richtung Osten fuhren und dabei hunderte von Kilometer an Ausläufern des Vatnajökull (Gletscher des Vatna) passierten. Die Gletscherabbrüche liegen dabei teilweise so nahe an der Hauptstrasse, dass man aussteigen und hinlaufen kann. Unser Highlight dieser Region war dann auch die Jökullsarlon, eine Lagune, welche bis an den Gletscher heranreicht: die Abbrüche fallen dort direkt in das Wasser und treiben dann als grosse „Eisberge“ gen Meer, wo sie an der Mündung langsam am schwarzen Strand dahinschmelzen.

Als Kontrastprogramm zu so viel Natur gönnten wir uns in Höfn, der grössten Stadt in Ostisland (knapp 2‘000 Einwohner), die lokale Spezialität gleich zu mehreren Mahlzeiten: Hummer/Languste mit Kartoffeln, Hummer/Languste auf der Pizza, ja sogar „Hummer/Langusten-Sandwich-Burger“ im lokalen Fast-Food-Stand. Entsprechend wohlgenährt sieht hier auch die lokale Bevölkerung aus… Zusammen mit der sehr ausgefallenen Unterkunft – wir übernachteten in einer umgebauten ehemaligen Milchfabrik – war dies definitiv eine Abwechslung zu den rauen Naturerlebnissen, welche in den nächsten Tagen kommen sollten.

Zum ersten Mal verliessen wir nämlich die Küste: genauso schnell, wie es bergauf ging, kam der Schnee (man erinnere sich: vorher hatte es immer nur geregnet). Und genauso schnell verschwanden die letzten Bustouren und die meisten der unseligen „Kleinwagentouris“. Dieser Begriff ist hier übrigens definitiv abwertend zu verstehen: obwohl wir zuhause – wenn überhaupt – auch mit einem kleinen Auto unterwegs sind und SUVs aus unserer Sicht in mitteleuropäischen Ländern eher eine begrenzte Daseinsberechtigung haben, sieht die Situation in Island komplett anders aus: abgesehen von Reykjavik und Teilen der Westküste sind die Strassen a) sehr kurvenreich, b) sehr steil und c) meist mit Eis und/oder Schnee so bedeckt, dass man sie kaum mehr sieht. Während a mit dem entsprechenden Können gemeistert werden kann (was bei den meisten Touris auch nicht der Fall ist; geht es gerade aus fahren sie einem extrem dich auf, wird’s kurvig verursachen sie Stau), erfordert b eine gewisse PS-Zahl und c 4×4-Antrieb und idealerweise Spikes. Dummerweise kosten b und c viel Geld, welches bei den jungen Hipstern, welche die teure Modedestination Island anschauen wollen, nicht vorhanden ist (a aufgrund des jungen Alters übrigens genauso wenig). Dies endet des Öfteren wohl in Versicherungsfällen und Rettungsaktionen. Auch wir haben an einem Nachmittag zwei Exemplare der Gattung Kleinwagentouri 1:1 beobachtet, wie sie auf einer schneebedeckten Nebenstrasse schneller unterwegs waren als wir, und prompt in ein zugefrorenes, sehr tiefes Schlagloch gekracht sind, aus dem sie ohne Hilfe nicht mehr herausgekommen sind…

Die „Strasse“ in Richtung des zentral gelegenen Myvatn (alkalischer See) verdient diesen Namen auf weiten Strecken ebenfalls nicht, da sie teilweise unbefestigt und sehr oft schneebedeckt ist. Entsprechend kommt es oft vor, dass man während 30 Minuten oder mehr kein einziges anderes Auto sieht. Sogar bei den bekannten Wasserfällen Dettifoss und Selfoss tritt man sich nicht auf die Füsse. Und die Sonne zeigte sich sogar auch schon ein bisschen!

Für uns waren die Highlights dieser geothermisch überaus aktiven Region aber nicht die Wasserfälle, sondern die heissen Quellen, welche überall am Strassenrand aus Löchern sprudeln und zischen (und dabei den Geschmack von faulen Eiern wieder allpräsent machen), die fantastisch blauen Badegrotten von Griotagja, das Lavafeld von Dimmuborgir (beides bekannt aus Game of Thrones) oder die verschiedensten Vulkane, welche man einfach besteigen kann. Und all dies bei wunderbarstem Sonnenschein! Übertroffen wurde das Ganze nur durch das Spektakel in der Nacht: nach Jahren des „nordischen Frustes“ (wir waren vor einigen Jahren ja hauptsächlich nach Lappland gefahren, um Polarlichter zu sehen) versöhnte uns Island auf einen Schlag mit der Welt und bot ein sensationelles Spektakel am Nachthimmel. Übrigens muss man dazu keine teure Tour buchen, wenn man einen Mietwagen hat: einfach auf den entsprechenden Internetseiten der Wetterdienste (vedur.is) und mit spezialisierten Apps („Aurora“) abchecken, wo die Wolkendecke nach Eindunkeln nicht oder nur sehr begrenzt vorhanden ist und dann in dem entsprechenden Gebiet eine möglichst dunkle Ecke suchen (klare Sicht und Dunkelheit sind die halbe Miete; der Rest ist von den Sonnenwind-Aktivitäten abhängig und nur sehr schlecht prognostizierbar; Ausschau halten nach „Kondensstreifen“ am dunklen Himmel, da oft Beginn von Nordlicht).

Nach einer langen Nacht und wegen des bereits wieder einsetzenden Schneefalls haben wir einen Tag Pause eingelegt und sind zur Erholung ins Myvatn Nature Bath gefahren, um im warmen Wasser zu entspannen. Entsprechend erholt konnten wir die anstehende lange und intensive Fahrt über verschneite und vereiste Pässe und Strassen via Akurery (grösste Stadt im Norden Islands und zweitgrösste das ganzen Landes) nach Borgarnes antreten, was ein grosser Vorteil ist, wenn man bei den herausfordernden Strassenverhältnissen gut vorankommen (auch in den Bergen gilt Tempo 90 J ) und regelmässige Fotostops – z.B. bei den herzförmigen Rotlichtern von Akurery – einlegen will.

Borgarnes liegt lediglich etwas mehr als eine Fahrstunde nördlich von Reykjavik. Wir haben dort eine Unterkunft gebucht, weil es der ideale Ausgangspunkt für mehrere verschiedene Aktivitäten ist, darunter auch wieder die Möglichkeit zu einer Gletscherbesteigung. Da wir diese jedoch bereits im Süden gemacht hatten, verwendeten wir die Zeit lieber für eine Umrundung der Halbinsel Snaefellsnes im Nordwesten. Diese wird von vielen Leuten als „Mini-Island“ bezeichnet, weil sie auf relativ kleinem Raum alle Klimazonen Islands beherbergt: von Gletscher bis Strand, von Vulkanen bis zu fruchtbaren Ebenen ist alles vorhanden. Nachdem wir in den letzten Wochen bereits die „grosse“ Variante von Island gesehen hatten, konnte die Halbinsel bei uns nur mässigen Eindruck hinterlassen. Begeistert haben uns lediglich die schwarzen Sandstrände, welche schneebedeckt waren und an deren Riffen sich imposante Wellen brachen, sowie ein kleiner Abstecher auf einer „richtigen“ Bergstrasse, wo selbst mit unserem Offroader nach ca. 4 Kilometern aufgrund des tiefen Schnees an ein Weiterkommen nicht mehr zu denken war. Und ja: auch hier haben wir die weiter oben beschriebene Gattung junger, leichtsinniger Touristen getroffen, welche mit einem Wohnmobil versuchten, die Strasse zu befahren; wie weit sie gekommen sind, wissen wir nicht, da wir ihnen erst nach dem Umkehren begegnet sind…

Der grösste Vorteil der Lage von Borgarnes waren der starke Wind an der Küste, welcher die Wolken immer rasch weggeblasen hat, sowie die begrenzte nächtliche Lichtverschmutzung aufgrund der Distanz zu Reykjavik. Und so kamen wir in den Genuss einer weiteren faszinierenden Nacht mit Polarlichtern. Diese waren so gut sichtbar, dass wir sie sogar im „Hot Tub“ (ein hölzerner Bottich mit heissem Thermalwasser) auf unserer Hotelterrasse noch geniessen konnten.

Leider waren damit schon unsere beiden letzten Tage in Island gekommen: nach einer relativ unspektakulären Fahrt nach Reykjavik – einziger erwähnenswerter Teil ist ein Strassentunnel, welcher tief unter dem Meer einen Fjord durchquert – nutzten wir die verbleibende Zeit ein letztes Mal für die „Aurora-Jagd“ in der Nacht, wobei diese nicht besonders ergiebig war, was erstens an der erheblichen nächtlichen Beleuchtung durch die Lichter der Stadt auch 15 Kilometer ausserhalb von Reykjavik lag und zweitens wohl auch an unserer frühen Rückkehr ins Hotel, welche auf die dutzenden riesigen chinesischen Bustouren zurückzuführen war, die uns gefühlt auf Schritt und Tritt in der Nacht gefolgt sind. An diesem Beispiel konnte man sehr gut erkennen, dass auch die Touranbieter lediglich Wetterkarten lesen und möglichst dunkle Ecken suchen.

So launisch und rau wie uns Island begrüsst hatte, wollte es uns auch verabschieden: für den Mittag unseres Heimreisetages war ein so schwerer Sturm angekündigt, dass zwischen 12:00 und 17:00 sogar die einzige Strasse von Reykjavik zum Flughafen wegen des Windes gesperrt worden ist. Und obwohl die Crew unseres Fliegers die Passagiere beim Einsteigen regelrecht angetrieben hat, war bis zum (sehr holprigen) Start nicht sicher, dass uns die Insel nicht noch etwas behalten würde. Bei Nicola kamen schon Erinnerungen an vergangene isländische Launen der Natur auf, welche die Heimreise massiv erschweren. Glücklicherweise erhielten wir aber trotzdem noch Starterlaubnis und konnten unseren Rückflug mit etwas Verspätung antreten.

Unser Fazit: Island ist eine Insel der Vielfalt und der Überraschungen. Und auch wenn diese nicht immer positiver Natur sind, hat uns das Erlebte mehr als nur dafür entschädigt. Verbunden mit der stetigen isländischen Stresslosigkeit können wir Island als Reisedestination für Naturliebhaber wärmstens empfehlen.

Mauritius by Nicola: Action im Paradies

Nach der Hitze der Emirate waren wir fast etwas geschockt, als wir in Mauritius das Flugzeug verliessen und uns „eisige“ 23 Grad entgegenschlugen. Das entsprach einer Halbierung der Temperatur innerhalb von sechs Stunden und wurde von uns so auch nicht erwartet, hat man als Westler doch von Mauritius ein Bild von Palmen, weissem Sand und türkisblauem Wasser unter der brennenden Sonne vor sich. Nun, abgesehen vom letzten Punkt entspricht alles exakt diesen Vorstellungen. Da der Inselstaat jedoch weit südlich des Äquators liegt, waren wir in Mitten des Winters dort, weshalb man sich über die oben erwähnte Temperatur dann eigentlich ja gar nicht beschweren kann.

Dass Mauritius aber noch viel mehr ist, als bloss die Insel der Honeymooner und Pauschaltouristen, wurde uns schon ziemlich schnell klar: mit einer Bevölkerung, deren Vorfahren grösstenteils indischen oder afrikanischen Ursprungs sind, ergibt sich ein sehr lebendiger, lauter und lebensfroher Mix. Dies macht sich in Gesprächen (Landessprache ist eine spezielle Form des Kreolischen, welche vor allem auf Französisch basiert; gleichzeitig wird aber von fast allen Personen auch Englisch gesprochen), beim Essen (indische, asiatische und kreolische Küche gehen Hand in Hand), aber auch im Verkehr stark bemerkbar. Gerade letzteres mussten wir auf die harte Tour herausfinden, als wir unseren Mietwagen übernommen haben: es wird wie in England links gefahren, die Strassenzustände entsprechen – abgesehen von der einzigen Autobahn der Insel – eher indischen Verhältnissen und Achsenbrüche dürften wohl die häufigsten Versicherungsfälle sein, es wird gehupt und ohne Licht gefahren, als ob man sich mitten in Tansania befinden würde und die teils wahnwitzigen Überholmanöver erinnern uns an den Fahrstil auf französisch besetzten Inseln.

Die erste Woche auf der Insel haben wir im Norden verbracht. Dieser gilt als ursprünglicher und rauer als der Süden und als weniger touristisch. Da es ziemlich windig war und man ja nicht jeden Tag nur am Strand liegen oder kitesurfen kann, haben wir die – teilweise auch etwas regnerischen Tage – dazu genutzt, die Insel mit unserem Mietwagen zu erkunden. Der erste Ausflug führte uns dabei in den „Casela-Abenteuerpark“. Was nach Achterbahnfahren und Zuckerwatte essen klingt, ist in Realität eigentlich ein besserer Zoo, wobei wir zugeben müssen, dass die Anlage sehr schön angelegt ist und einige Attraktionen in dieser Form bei uns nicht denkbar – oder überlebensfähig – wären: durch die Volieren der tropischen Vogelarten kann man selbst hindurchspazieren, die uralten Riesenschildkröten liegen, fressen oder stehen an jeder Ecke einfach so herum und Zebras, Antilopen, Strausse, Giraffen und auch den Nashörnern stattet man per offenem LKW ganz Safari-like einen Besuch ab. Das Highlight und der Hauptgrund für unseren Besuch war aber das Versprechen auf ein ganz anderes, ziemlich ausgefallenes Erlebnis: im Abenteuerpark kann man Löwen streicheln. Und ja, es handelt sich um voll ausgewachsene Exemplare, welche weder unter Narkose stehen, noch sonst wie ruhig gestellt werden: man wird beim Eingang des Geheges von den Tierpflegern, Dompteuren oder wie auch immer man die mutigen Männer nennen möchte abgeholt, mit einem langen Stock ausgestattet, muss eine Verzichtserklärung unterzeichnen (der Park haftet weder für Verletzungen noch Todesfälle) und alles bis auf die Kamera und den Stock draussen lassen. Anschliessend begibt man sich in der Gruppe ins Gehege, wo sich sechs ausgewachsene Löwen (ein Männchen, fünf Weibchen) im Alter von 2-3 Jahren tummeln. Während man sich in der Nähe eines Exemplars möglichst fotogen in Pose wirft (war gar nicht so einfach, wenn 150 Kilo Muskelmasse neben einem liegen), spricht der „Haupt-Dompteur“ mit dominanter Stimme beruhigend auf das Tier ein. Die restlichen Bewacher halten das übrige Rudel im Überblick. Das Ganze funktioniert übrigens nur, weil die Löwen nach der Geburt täglich in engstem Kontakt mit ihren Betreuern stehen und diese kennen. Da die Wärter die Gehege nur mit Stöcken betreten, ist der stockausgestattete Tourist für die Löwen auf den ersten Blick nicht als solcher erkennbar und fällt darum nicht unbedingt in die Kategorie „Fressen“. Fazit: wir haben alle überlebt und Löwe fühlt sich an wie struppiger Hund.

Ganga Talao, unser nächstes Ausflugsziel, ist zwar nicht ganz so adrenalinfördernd, deshalb aber nicht minder speziell: ausgewanderte Hindus haben im Hochland von Mauritius eine riesige hinduistische Tempelanlage rund um einen See angelegt. Die inzwischen imposante Ansammlung an Statuen hinduistischer Gottheiten entstand über die Jahrzehnte durch Spenden von Familien aus anderen Ländern. Der wichtigste Clou aus Sicht des Hindus (für uns eher als „Umweltverschmutzung“ zu bezeichnen): das Seewasser des Ganga Talao stammt teilweise aus dem heiligen (und übelst verdrecktem) Fluss Ganges und wurde eigens importiert. Guten Appetit, liebe Götter 🙂

Dagegen ist das Wasser der „7 Cascades“ richtiggehend klar. In einigen der Becken dieser sieben Wasserfälle, welche sich ebenfalls im tropischen Zentrum der Insel befinden, kann man sogar baden – vorausgesetzt, dass man sich bei ca. 13 Grad hineintraut. Diese Abkühlung muss man sich jedoch zuerst hart erarbeiten. Weil der ca. 45-minütige Abstieg bis oberhalb des fünften Wasserfalls auch nicht ganz ungefährlich ist und das Wort „Wanderweg“ dem Kampf durch Dschungel, Steilhänge und über glitschige Steine nicht annähernd gerecht wird, sollte man nur mit einheimischem Führer unterwegs sein. Einen solchen findet man bei den Parkplätzen an den offiziellen (und bequem erreichbaren) Aussichtspunkten leicht, sofern denn das nötige Trinkgeld vorhanden ist. Einmal beim fünften Fall angekommen (die beiden letzten sind extrem hoch und nur mittels Seilsicherung „bewanderbar“), beginnt ein distanztechnisch viel kürzerer, dafür aber umso steilerer Aufstieg zurück auf den Rand der Schlucht. Muskelkater ist nach dieser Tortur garantiert – sogar wenn man ein Jahr zuvor den Kili bestiegen hat.

Da kam die nächste Attraktion genau richtig: die „Seven Coloured Earth“. Dabei handelt es sich um eine Sehenswürdigkeit geologischen Ursprungs. Das Vulkangestein, aus welchem die gesamte Insel besteht, wurde durch den vielen tropischen Regen freigelegt und anschliessend alle wasserlöslichen Bestandteile ausgewaschen, so dass nur Eisen- und Aluminiumoxide zurückblieben, welche die unterschiedlichsten Rot- und Violetttöne aufweisen.

Nach Angst vor dem Löwen, Grausen vor dem Wasser, Schwitzen am Wasser und geologischem Nachhilfeunterricht war es endlich Zeit für einen kulinarischen Ausflug: die Besichtigung einer Rumbrennerei, inkl. anschliessender Degustation des wichtigsten Exportproduktes von Mauritius. Zur Gewinnung des Zuckerrohrschnapses werden die Stengel bei Reife geschnitten, der Saft herausgepresst, gefiltert gegoren und der so entstehende „Zuckerrohrwein“ (eine schrecklich übel riechende Flüssigkeit) destilliert. Je nach Art der Destillation und anschliessender Verdünnung und Lagerung, ergibt sich daraus ein Likör oder ein hochprozentiger Rum mit unterschiedlichsten Geschmacksrichtungen.

Apropos Kulinarik: die zweite Woche auf Mauritius verbrachten wir im Süden der Insel in einem Hotel, in welchem etwas ganz anderes die Attraktion darstellte: die acht Restaurants verschiedenster Stilrichtungen. Von asiatischer Fusionsküche, über ein auf Meeresfrüchte spezialisiertes Lokal bis hin zum klassischen Italiener war alles dabei, so dass wir eigentlich bereits nach dem Frühstück wieder sehnlichst das Abendessen erwarteten 😉 Damit die Gewichts- und Umfangzunahme nicht so gross war, dass wir nicht mehr ins Flugzeug passen, musste Bewegung her. Klar, war auch Kitesurfen wieder ein Bestandteil (per Zufall waren sogar die weltbesten Kiter wegen eines Wettkampfes im gleichen Hotel und wir konnten ihnen tagsüber zusehen) und klar, hätte es auch das – auf Mauritius in den meisten Hotels übliche – kostenlose Angebot an diversen Wassersportmöglichkeiten gegeben. Da wir aber etwas Neues probieren wollten, war uns dies nicht genug; und so kam es, dass wir eine Sportart intensiver testeten, von welcher wir früher aus den verschiedensten Gründen immer gesagt haben, dass wir sie nie, nie, nie praktizieren würden: Golf. Und obwohl verschiedene Klischees zutreffen – ja, es ist so snobby und man MUSS ein Oberteil mit Kragen auf dem Platz tragen; ja, es ist ziemlich teuer; ja, die Bewegungskomponente wird langfristig aufgrund von Fahren mit den Golf-Caddys nicht so hoch sein – hat es uns gefordert, Spass gemacht und wir hatten in den ersten Tagen sogar Muskelkater vom Üben der korrekten Schwünge! Wir können uns definitiv vorstellen, es zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal zu versuchen und besser zu werden. Ist auch bitter nötig, haben wir doch den Rasen gehörig „umgegraben“ und bei unserer ersten Runde auf dem „richtigen“ Platz sogar mehrere Bälle auf die angrenzende Strasse geschlagen J

Unser Fazit von Mauritius: die Insel biete sehr viel für fast jeden und wir könnten uns definitiv vorstellen, wieder einmal hierherzukommen.

Vereinigte arabische Emirate (V.A.E) by Nicola: VAE = Von Allem Etwas

Lange erwartet und sogar in letzte Minute fast gescheitert: so könnte man den Beginn unserer ersten „richtigen“ Ferien (Zügeln zählen wir jetzt einmal nicht zu dieser Kategorie) dieses Jahr beschreiben. Endlich alle Anweisungen an die Handwerker gegeben, Koffer gepackt und Stellvertreterregelung im Geschäft definiert, wollten wir per Zug an den Flughafen Zürich reisen. Leider fielen nicht nur die vier nächsten Züge nach Zürich aus, sondern der fünfte – welcher dann auch tatsächlich gefahren ist – hielt in so bedeutenden Ortschaften wie „Holderbank“, war unklimatisiert und stand während etwa 20 Minuten ohne Begründung im HB Zürich herum.

Zum Glück haben wir es dann auf die letzten Minuten vor Schalterschliessung doch noch geschafft und konnten unseren Urlaub dank des wirklich exzellenten Services (auch in der Economy) von Emirates entspannt starten. Diese erste Erholung war auch nötig, hätten wir uns ansonsten doch bereits bei der Abholung unseres Mietwagens wieder etwas geärgert: bei 38 Grad morgens um 06:00 wollte uns der indische Mitarbeiter von Europcar zuerst Versicherungen verkaufen, welche wir bereits bezahlt haben (haben wir bemerkt), hat uns eine Flughafensteuer auferlegt, welche wir bereits bezahlt haben (haben wir erst später bemerkt) und gab uns ein Auto, welches mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bereits dort einen fast platten Reifen hatte (haben wir leider auch erst später bemerkt). Wir haben uns in Indien schon fast wieder heimisch gefühlt. Äähh bitte was? Indien? Nein, natürlich nicht, auch wenn einem dies aufgrund des extremen Ausländeranteils (knapp 90%, der Grossteil davon aus Pakistan, Indien und Bangladesh) so vorgekommen ist. Spätestens ausserhalb der Tiefgarage ist uns dank modernsten Gebäuden und achtspurigen Autobahnen wieder aufgefallen, dass wir in Dubai sind.

Was uns dann doch etwas erstaunt hat, waren die in Dubai anfallenden Mautgebühren, sowie die zahllosen (funktionsfähigen!!!) Radarfallen, welche jede Strecke bis tief in die hinterste Wüste „schmücken“, von den Einheimischen grösstenteils jedoch trotzdem nicht beachtet werden. Da es in den Emiraten auch keine Vorschriften bezüglich Überholmanövern zu geben scheint und wir unter Einhaltung der Höchstgeschwindigkeit zu den langsamsten 10% auf der Strasse gehörten, waren wir doch ganz froh, als wir beim Hotel in Abu Dhabi ankamen, insbesondere da wir auch erst vor Ort herausgefunden haben, dass wir auf unserem GPS gar keine Karte der Emirate gespeichert hatten…

Die ganzen Umbau-Strapazen der letzten Monate forderten ihren Tribut und wir haben den ganzen ersten Tag einfach einmal verschlafen. Etwas ausgeruhter stand dann erst einmal die Erkundung der näheren Gegend auf dem Programm, wobei man dazu auch bereits auf ein Fahrzeug angewiesen ist, möchte man um diese Jahreszeit mit bis zu 52 Grad im Schatten nicht langsam im eigenen Saft gegart werden. Im Gegensatz dazu standen die Räumlichkeiten der Marina Mall und des Emirates Palace Hotels, welche auf gefühlt 18 Grad heruntergekühlt werden. War das Shoppingcenter nichts besonderes, hat uns der Prunkbau – welcher ursprünglich ausschliesslich für ein Treffen aller Scheichs des mittleren Ostens gebaut wurde, heute aber als eines der besten Hotels der Welt bekannt ist – sehr beeindruckt, auch wenn wir uns keinen Kaffee mit Blattgold leisten konnten bzw. wollten.

Mindestens genauso prunkvoll, um nicht schon zu sagen „dekadent“, gestaltete sich die Besichtigung der Scheich-Zayid-Moschee am Abend: zu Ehren von Scheich Zayid bin Sultan Al Nahyan – Regent von Abu Dhabi und erster Präsident der Emirate – gebaut, beherbergt sie den grössten handgeknüpften Perserteppich der Welt (5627 Quadratmeter), den grössten Kronleuchter der Welt (15 Meter hoch) und ist mit ihren Baukosten von mehr als 560 Millionen Dollar auch die teuerste je gebaute islamische Gebetsstädte – und mit einem Fassungsvermögen von 40’000 Gläubigen auch eine der grössten. Der Eintritt ist kostenlos, Frauen müssen jedoch einen – ebenfalls kostenlosen – schwarzen Umhang tragen, welcher alles bis auf die Hände und das Gesicht bedeckt. Was im Aussenbereich bei den Temperaturen eine Tortur ist, erwies sich im eisig gekühlten Inneren wieder als Vorteil.

Als Kontrastprogramm gabs dann am nächsten Tag die volle „Touri-Dosis“: der gebuchte Kurztrip in die Wüste vor Abu Dhabi entpuppte sich als rasende Achterbahnfahrt über die Dünen, was auf den vorderen Plätzen des Jeeps ja noch ganz lustig sein mag, in der dritten Reihe aber schier zu einem Kampf gegen die inneren Würgereize verkommt. Das nachfolgende Quadfahren durch die Düne war dagegen sehr unterhaltsam, bis sich die mitfahrende indische Reisegruppe so tief im Sand einbuddelte, dass an ein vernünftiges Vorwärtskommen nicht mehr zu denken war. Zum Abschluss folgte ein arabisches Abendessen inklusive Bauchtanzshow, bevors dann zurück ins Hotel ging. Unser Fazit dazu: definitiv kurzweilig und abwechslungsreich, authentisch eher nein.

Bevor wir am nächsten Morgen losfahren konnten, hatten wir mit Schlagseite unseres Autos zu kämpfen: der Nagel, welcher wahrscheinlich schon länger im Reifen gesteckt hat, hat einen Grossteil der Luft entweichen lassen. Dank sensationeller Intervention des Concierge-Teams war der Wagen jedoch schnell aufgebockt, der platte Reifen entfernt und das Ersatzrad montiert. Und wir hatten noch nicht einmal schmutzige Finger! Das nennen wir aussergewöhnlichen Service.

Die Reparatur des kaputten Pneus musste jedoch warten, hatten wir doch einen Termin mit ganz speziellen Vögeln im Spital. Vögel? Im Spital? Nein, es ist nicht die Hitze, welche uns zu solch seltsamen Aussagen treibt, sondern einmal mehr der Grössenwahn der Emiratis: wir besuchten das grösste und bekannteste Falkenspital der Welt. Die majestätischen Tiere werden seit Jahrhunderten zur Jagd genutzt; früher tatsächlich zur Nahrungsbeschaffung, heute eher um die Konkurrenz zu beeindrucken. Dabei werden hauptsächlich drei Arten von Falken eingesetzt: kleine, extrem schnelle (bis 300 KmH); mittelgrosse, welche das Wappentier Abu Dhabis sind und grosse Exemplare, welche besonders stark sind und das Vierfache ihres Eigengewichts tragen können. Diese sind übrigens auch die mit Abstand teuersten: ein Exemplar kann zwischen 100’000 und einer halben Million kosten. Entsprechend logisch ist, dass für die Viecher nur das Beste gut genug ist: während der heissen Sommerzeit, wenn nicht gejagt wird, werden die lebenden Statussymbole in das – dem Falkenspital angeschlossene – Falkenhotel gebracht, wo die Tiere jeweils mit 19 anderen Artgenossen in ein riesiges, klimatisiertes Gehege kommen, wo sie genug Platz zum fliegen haben und täglich ihre Ration Fleisch erhalten. Laut unserem Guide ist der schwierigste Teil dabei der „Bezug des Hotelzimmers“: Falken sind Einzelgänger und dulden keine Eindringlinge in ihr Revier, d.h. es werden nur andere Vögel toleriert, wenn diese seit eh und je auch dort waren. Darum können alle 20 Mitbewohner nur gleichzeitig in ihre Suite entlassen werden. Jegliche Nachzügler würden unweigerlich ein unrühmliches Ende finden. Neigt sich der Sommer dem Ende zu, werden die Vögel von ihren Besitzern, welche sich das Ganze etwa 2’000 Dollar kosten lassen, abgeholt und zur Jagd mitgenommen. Die Grösse der Beutetiere reicht dabei von Vögeln bis zu ganzen Gazellen für die grösste Falkenart. Aufgrund der intensiven Bejagung der letzten Jahre sind viele Beutetiere fast ausgestorben, weshalb die Emirate diese in grossem Stil selbst züchten und vor der Jagdsaison aussetzen. Ähnliches gilt auch für die Falken selbst: früher wurden diese während ihrer Überwinterung in der Region eingefangen – den Sommer verbringen wilde Falken eher in bergigen Regionen wie bspw. Pakistan – heute ist diese Praxis strengstens verboten und man darf nur noch gezüchtete Falken mit individuellem Pass haben. Der grösste Teil kommt dabei übrigens aus Deutschland oder Österreich. Sollte das teure „Armtier“ (für ein „Schosstier“ sind die Krallen einfach zu scharf) einmal einen Unfall haben, wird es flugs ins Spital gefahren, wo kleine (z.B. Krallen kürzen) und grosse Operationen (z.B. grosse Anzahl an Federn ersetzen) mittels modernsten Methoden, Anästhesie mit Lachgas inklusive, vollzogen werden. Leider muss man auch als teures Statussymbol manchmal warten, bis einen der Arzt untersucht. Dazu gibt es dann ein Wartezimmer mit Sitzgelegenheit. Und damit nicht allgemeine Massenpanik aufgrund von territorialen Ansprüchen oder Neid aufgrund des schöneren Gefieders des „Sitznachbarn“ entsteht, erhält jeder Patient eine Kappe aus Leder, so dass er oder sie nichts sehen kann.

Auch nicht ganz alltäglich war unser nächstes Erlebnis: Fahrradfahren, aber nicht irgendwo, sondern auf dem legendären YAS Marina Circuit. Keine Ahnung was das ist? Nun, wir als Motorsportbanausen hatten dies vorher auch nicht. Das ist die Formel-1-Strecke von Abu Dhabi. Aber da wo einmal im Jahr die hochgezüchteten Autos klingender Marken mit bis zu 250 kmH vorbeidonnern, kann man jeden Dienstagabend Fahrrad fahren. Kostenlos und mit gratis Getränken. Das Ganze bleibt uns nicht nur wegen der Location im Gedächtnis, sondern auch, weil man auf dem speziellen Belag wirklich unglaublich schnell unterwegs ist: wir konnten die ganze Zeit über ohne besonders grosse Anstrengung ein Tempo von 25 KmH aufrecht erhalten. Und wir hatten weder E-Bike noch Rückenwind 😉

Von der Hitze (es hatte um 21:00 immer noch 41 Grad) in den klimatisierten Wagen und auf ins Hotel…das war zumindest der Plan. Und dann fiel uns wieder ein, dass wir ja schon viel zu lange mit dem Ersatzreifen herumfahren. Weil per Zufall die „Mechanikerstadt“ (grosser Vorort von Abu Dhabi, welcher tatsächlich nur aus hunderten von Autowerkstädten zu bestehen scheint) auf unserem Heimweg lag, haben wir noch kurz in einer der Garagen vorbeigeschaut und unseren Pneu reparieren, pumpen und wieder montieren lassen. „Indian Style“, ganz einfach und schnell und für umgerechnet 5 Franken 🙂

Weil wir natürlich von der arabischen Wüste nicht nur den massentouristischen Teil sehen wollten, haben wir noch einen Ganztagestrip in das Grenzgebiet zu Saudiarabien unternommen. Die „Rub al-Chali“ ist in dieser Gegend am schönsten und zeigt ihre volle rote Farbenpracht mit unendlichen und wunderschönen Dünen. Darunter befindet sich die angeblich auch „grösste Düne der Welt“, welche ca. 300 Meter hoch sein soll, deren Betreten aber strengstens verboten ist, weil sie lediglich einmal im Jahr zu „Rennzwecken“ genutzt werden darf. Nicht verständlich?! Nun ja: da den vermögenden, anscheinend stets gelangweilten Herrschaften auch Kamelrennen, Formel-1 und Falkenjagd nicht mehr genug sind, wurde kurzerhand ein neuer Wettbewerb geschaffen: „rase die höchste Düne der Welt in einem beliebigen Fahrzeug so schnell hoch und wieder runter, wie du kannst“. Kein Witz.

Abgesehen von den Dünen haben wir die „Gewächs- bzw. wohl eher Kühlhäuser“ der Emirati besucht, in welchen das lokale Gemüse angebaut wird und wir haben viele spannende Details zum Alltag der Emiratis von unserem (indischen) Guide erhalten: wer hier etwas auf sich hält hat nicht nur einen Falken, fährt „spezielle“ Rennen, einen teuren Wagen und besitzt das neuste Smartphone, nein… Um bei der lokalen Damenwelt Eindruck zu schinden, gibt man sechsstellige Beträge für eine leicht einprägsame Handynummer aus. Da Dating in dem konservativen Land grundsätzlich verboten ist, muss man aber mittels sehr unkonventionellem Weg darauf aufmerksam machen: man geht in ein Shoppingcenter, hält Ausschau nach der Herzensdame, schlendert dann gelassen an ihr vorbei und während man so tut, als würde man telefonieren, raunt man ihr die Nummer zu. Ist die Nummer (oder der Besitzer) sexy genug, ruft sie evtl. an… Ein weiteres Müsterchen der einheimischen Gepflogenheiten gefällig: Radarfallen gibt es wie Sand in der Wüste (auch Mitten in der Wüste). Die Bussen sind auch nicht ganz ohne, sollen aber nicht den Staat bereichern (der hat ja schon genug Geld), sondern lediglich die Verkehrssicherheit erhöhen. Deshalb gab es bis vor kurzem 50% Rabatt auf alle Bussen. Weil sich die Unfälle mit hohen Geschwindigkeiten zu häufen begannen, wurde dieser jedoch vor kurzem gestrichen, so dass der „persönliche Live-Bussen-Ticker“ (eine Smartphone-App) nun schnell wieder in den fünfstelligen Bereich übergeht (eine monatliche Bussensumme von etwa CHF 2’000 gilt hier als ganz normal).

Wir glauben zumindest, dass wir auf der Rückfahrt nach Dubai am nächsten Tag bei keiner einzigen der 79 Radarfallen (auf einer Strecke von 120 Km) eine Busse eingefahren haben, wissen werden wir es jedoch erst, wenn die Kreditkartenrechnung der Mietwagenfirma kommt. Obwohl bussenfrei, ist Dubai für uns aber schon merklich teurer gewesen: es ist offensichtlich, dass dieses Emirat kein Öl mehr hat und Geld mit allen Mitteln von anderen Quellen beschafft werden muss: so wird hier eine Maut für die Benutzung der Autobahn fällig, für die Benutzung des Strandes werden von Nicht-Hotelgästen CHF 75.- Eintrittsgebühr kassiert und auch als konsumierender Gast in einer hochgelegenen Bar wird man bei der Ausfahrt aus der Tiefgarage vom Portier noch einmal gefragt, ob man wirklich bezahlt hat. Dafür gibt es Ausblicke auf die ikonischsten arabischen Bauwerke der Moderne, wie etwa die künstlich aufgeschüttete Palme vor Dubai oder den Burj al Arab, man kann gigantische Shoppingmalls mit faszinierendem Multi-Kulti-Besucherstrom besuchen, wo die Scheichs in gemütlichen Kaffees auf die Rückkehr ihres shoppenden Harems warten, oder man lässt sich mit High-Speed-Lift in das 125te Stockwerk des höchsten Gebäudes der Welt katapultieren und geniesst den Ausblick auf die Stadt. Allerdings müssen wir anfügen, dass die Aussichtsplattform des World Trade Centers in Shanghai wesentlich eindrucksvoller und günstiger war.

Am Abend bietet Dubai dann das volle westliche Ausgangsprogramm, allerdings mit einem Haken für die Einheimischen: in Lokalitäten, welche Alkohol ausschenken, ist keine lokale Kleidung gestattet. Dies dient angeblich der Verhinderung der Vermischung von Islam und Alkoholkonsum, steht aber in krassem Kontrast zu Abu Dhabi, wo die reiche Elite in traditionellem Gewand und Sandalen mit dem Ferrari vorfuhr, um sich in der Bar dann von extrem knapp bekleideten einheimischen Frauen bezirzen zu lassen.

Unser Fazit: die VAE sind extrem vielfältig und faszinierend, aber auch widersprüchlich und nicht immer nachvollziehbar.