Hilfsprojekt in Bhorugram by Nicola: Wenn Helfern nicht geholfen wird (=”Managed Care”?)

Aufgrund des längeren Ausbleibens eines Berichtes könnt ihr euch wahrscheinlich denken, dass wir trotz unserer Probleme, welche wir zu Beginn in Bhorugram hatten, unser Hilfsprojekt umsetzen konnten. Dies stimmt zwar, wer aber nun denkt, dass das Ganze friedlich abgelaufen sei oder dass wir solange in der ländlichen Gegend von Rajasthan geblieben sind, wie ursprünglich geplant, der täuscht sich gewaltig. Beginnen wir aber ganz von vorne, d.h. mit der Beschreibung unseres Projekts.

Wir hatten ja bereits im letzten Bericht erwähnt, dass wir uns wegen des nicht vorhandenen Spitals dem lokalen Arzt bei seiner Feldvisite in den umgebenden Dörfern angeschlossen haben. Dort konnten wir beobachten, dass zahlreiche ältere Personen an Atembeschwerden und/oder Knieproblemen leiden. Da auch die vom Arzt geführte Statistik diesen Verdacht erhärtete (knapp 15% aller Patienten kommen wegen einer der beiden Problematiken zur Sprechstunde; dies entspricht rund 1’500 Personen pro Jahr) und beide Leiden mit einfachen und kostensparenden physiotherapeutischen Übungen behandelt werden können, haben wir beschlossen, ein passendes Konzept inklusive benötigter Hilfsmaterialien (Poster und Anleitungen; siehe weiter unten für Details) zu erstellen und das Team der “Medical Mobile Unit” – kurz MMU – in der Instruktion der Übungen zu schulen, so dass sie den Patienten in Zukunft eigenständig helfen können. Jenny übernahm dabei in erster Linie den medizinischen Teil, Nicola die Projektkoordination (entsprechend unseren beruflichen Qualifikationen).

Da in Indien – und speziell in der ländlichen Gegend von Rajasthan – viele Menschen unter der Armutsgrenze leben (nach statistischen Angaben im ganzen Land mehr als 400 Millionen) ist Analphabetismus ein weitverbreitetes Problem. Zur Aufklärung und Information der Dorfbewohner werden deshalb sehr oft grosse Poster verwendet, mit welchen Zusammenhänge bildlich und einfach dargestellt werden. Auch wir haben uns diese Idee zu Nutze gemacht und für jedes der beiden Leiden ein Poster entworfen, welches bildlich darstellt, woher die Erkrankung kommt (vor allem Rauchen im Falle von Atembeschwerden bzw. die Sitzhaltung im Falle von Knieproblemen), welche Übung man dagegen machen sollte (Schritt für Schritt erklärt) und in welcher Frequenz, was diese genau bewirkt, welche Präventionsmassnahmen existieren (weniger rauchen, auf Stühlen statt am Boden sitzen, etc.) und welches langfristig die Vorteile sind, wenn man die Übung macht.

Da man ja nicht jedem der jährlich 1’500 Patienten ein (für indische Verhältnisse) teures Plakat nach Hause mitgeben kann und die Sprechstunde der MMU nur alle zwei Monate im gleichen Dorf stattfindet, haben wir darüber hinaus eine kleine Broschüre designt, welche den Dorfbewohnern mitgegeben wird, damit sie nicht alles Gehörte wieder vergessen. Darüber hinaus wurden für beide Übungen einfache und günstige Hilfsmittel ausgeteilt, welche die Übungseffizienz verbessern und die Patienten zusätzlich zum täglichen Training motivieren sollen (ein kurzer Strohhalm für die Atemübung; einfacher Plastiksack für Knieübung). Diejenigen, welche noch mehr Details zum Hilfsprojekt selbst erfahren möchten, können sich hier unseren Abschlussbericht als PDF herunterladen (ist aber nur in Englisch verfasst!).

Die Zeit und das Projekt in Bhorugram waren für uns in vieler Hinsicht sehr bereichernd und wir haben viele Erfahrungen – im Positiven wie im Negativen – machen dürfen. So wurde Jenny beispielsweise von der Frau des Spital-Hauswarts zur vollwertigen Inderin “umgewandelt”, inklusive Kleidung (Sari), Schmuck, Schminke und sogar “Inder-Punkt” Smiley Auch die Schüler und Studenten der Schule in Bhorugram, in deren Kantine wir öfters gegessen haben, waren immer sehr freundlich und neugierig. Teilweise wurden wir auch spontan mit Süssigkeiten beschenkt, wobei dies jeweils nicht immer ganz uneigennützig war: ein Foto mit uns “musste” dafür schon drinliegen Smiley Ein Erlebnis, welches uns ebenfalls noch lange in Erinnerung bleiben wird, war die Einladung zum Abendessen beim Arzt des MMU: wir wurden bedient wie die Könige…unsere Gastgeber selbst haben während der ganzen Zeit jedoch keinen Bissen gegessen! Ausserdem legten sie grossen Wert darauf, dass wir Photos mit ihnen und uns schossen, bei welchen wir ihnen das Gastgeschenk überreichen… Dieses hatten wir ca. eine halbe Stunde vor der Einladung bei einem der Händler im Dorf gekauft. Da wir ursprünglich nicht wussten, “was man in Indien so mitbringt”, haben wir uns von ihm beraten lassen. Es kennt hier sowieso jeder jeden Smiley Abgesehen von dem Geschenk (ein Set Teetassen) hat der Händler uns auch beim täglichen Einkauf stark unterstütz, indem er Dinge, die nicht an Lager waren, einfach aus der nächst grösseren Stadt (35 Km entfernt) für uns besorgt hat. Das nennen wir Service… Unterstützung und Rat erhielten wir auch nicht zuletzt von den anderen Mitarbeitern der Organisation, wobei uns vor allem eine Szene in Erinnerung bleibt, bei welcher fünf (männliche) Mitarbeiter Jenny beim Kauf von traditioneller Kleidung (Punjab; Oberteil und Hose; wurde gekauft, um “indischer” zu wirken, d.h. den hier geltenden Anforderungen an die Sittlichkeit, welche kurze Ärmel und Hosenbeine für Frauen verbietet, zu entsprechen und weniger oft als leichtes “Touri-Opfer” erkannt zu werden) beraten und sorgfältig darauf achten, dass sie nicht vom Händler übers Ohr gehauen wird Smiley

Aber wie bereits im Titel angedeutet, gab es auch viele Dinge, welche uns Kopfzerbrechen bereitet und schlussendlich sogar zu unserer verfrühten Abreise geführt haben. Da wären zum einen sicherlich die “natürlichen” Gegebenheiten eines Hilfsprojektes im ländlichen Rajasthan: Extreme Hitze und Feuchtigkeit (bis zu 40 Grad, verbunden mit ca. 5 Minuten Regen pro Tag), daraus folgend paradiesische Verhältnisse für Mücken (welche hier teilweise auch Malaria übertragen) und zahlreiches anderes “Getier” (jeden Abend haben uns dieselben zwei Kakerlaken besucht), regelmässige Stromausfälle (in ganz Indien ein grosses Problem) welche – wenn man Glück hatte – (auch nachts) mit extrem lauten Dieselgeneratoren (natürlich direkt neben unserem Fenster) überbrückt wurden, extrem scharfes Essen (man schwitzt ja nicht sowieso schon genug…), welches darüber hinaus rein vegan war (als Ergänzung und um zu vermeiden, dass wir noch mehr Gewicht verlieren, haben wir tonnenweise Chips gegessen und Milch aus Milchpulver getrunken) und uns seltsame Träume bescherte, in welchen wir ausgehungert den nächsten MC Donalds überfallen und alles (Hühnchen-)Fleisch klauen (Rinder darf man hier leider ja nicht verspeisen) Smiley, der benachbarte Hindutempel, welcher jeden Morgen um ca. 4 Uhr die Gläubigen mit lauter Musik zum Gebet rief, das Fehlen einer Waschmaschine bzw. von Wäschereien (hatte zur Konsequenz, dass wir die Kleider mit extrem aggressiver Laugenseife selbst rubbeln und waschen mussten, was uns zeitweise an den Fingern die Haut von 80-jährigen verschafft hat) und die Tatsache, dass es hier nicht einmal ein Bierchen zu kaufen gibt (wirklich schrecklich hier Smiley).

Diese Umstände sind nicht gerade prickelnd. Da wir aber natürlich damit rechnen mussten (wir sind ja hier nicht im Luxusurlaub), wären sie nicht weiter schlimm gewesen, wenn da nicht auch noch die wirklich ärgerlichen (projektbezogenen) Probleme gewesen wären! Obwohl sich die Situation aufgrund unseres ersten Mails zwar kurzfristig verbessert hatte und wir zumindest die geforderten Materialien für unser Projekt einigermassen zeitgerecht (d.h. innerhalb von 48 Stunden statt einer Woche) erhielten, hatten wir nie das Gefühl, dass das lokale Management unser Projekt guthiess oder auch nur annähernd verstand! Dies liegt wohl auch daran, dass der “Manager” selbst kein Englisch spricht und der uns zugeteilte Assistent, welcher auch für die Übersetzungen zuständig war, dauernd durch Abwesenheit glänzte und sein Mails und Telefonanrufe nicht beantwortete. Der hauptsächliche Grund ist unsere Meinung nach jedoch die Überheblichkeit und Arroganz dieser Person und teilweise der ganzen Organisation, welche sich zwar mit zahlreichen indischen “Awards” und den Berichten von ausländischen Studenten brüsten, aus unserer Sicht aber jedoch nur sehr begrenztes bzw. gar kein Interesse an Projekten haben, welche von “Praktikanten” in Eigeninitiative durchgeführt werden. Die Situation verschlechterte sich soweit, dass wir in der letzten Woche in Bhorugram weitgehend vom Manager ignoriert wurden, er uns aus unserem Zimmer werfen wollte und sogar versucht wurde, bei uns einzubrechen! Obwohl die Bewohner Rajasthans zwar dringend Hilfe benötigen, hat diese Organisation sie nur sehr begrenzt verdient. Wer mehr Wert auf hierarchische Strukturen und Allmacht des Managements statt auf Diskurs und konstruktive Lösungen setzt, sollte nicht damit werben, ausländische Studenten und Fachkräfte als Praktikanten aufzunehmen!

Als Konsequenz haben wir – wie bereits zu Beginn gedroht – Bhorugram verlassen. Damit die letzten Schritte zur Umsetzung des Projektes trotzdem gelingen und unsere Arbeit wenigstens nicht umsonst war, haben wir den MMU-Arzt, welcher unsere Idee immer unterstützt hat, vor unserer Abreise über das weitere Vorgehen instruiert.

Nach einer fünfstündigen Jeepfahrt (kostet hier inklusive Fahrer umgerechnet 60 Franken Smiley ) sind wir wieder in Jaipur angekommen. Hier möchten wir nun noch die Sehenswürdigkeiten anschauen, bevor wir dann nach Agra weiterreisen.

Da Indien – wie im Werbeslogan erwähnt – einfach unglaublich ist und es auch in diesem Land zahlreiches Skurriles und Unglaubliches zu entdecken gibt, wollen wir auch hier auf die Dinge kurz eingehen, welche uns immer wieder erstaunen:

  • Vom Regen in die Traufe: Zumindest was Schmatzen und Rülpsen anbelangt, stehen die (ländlichen) Inder den Chinesen in nichts nach. Und dies obwohl hier keine Nudeln und Suppen gegessen werden!
  • Wenn man etwas von einem Inder möchte (z.B. Abfallsäcke zur Entsorgung von Petflaschen), dann erhält man es frühestens in zwei Tagen oder gar nie. Wenn umgekehrt die Person aber etwas von einem selbst will, muss dies immer sofort erfolgen und man wird nie vorgewarnt (als wir um einen Transport in die benachbarte Stadt baten, damit wir die Poster drucken lassen könne, wurden wir immer wieder vertröstet. Als dann aber die Möglichkeit da war, wurden wir am Sonntag morgen geweckt und es hat nicht einmal für einen Kaffee gereicht!)
  • Wenn Inder miteinander essen gehen, bleiben sie nur solange am Tisch sitzen, bis sie fertig gegessen haben. Es wird nicht gewartet, bis alle fertig sind geschweige denn noch sitzen geblieben, um etwas zu tratschen…
  • Die indische “ja-nein-könnte sein – Kopfbewegung”: Egal ob man etwas bespricht oder eine Frage stellt, die generelle Reaktion ist ein seitlicher Schlenker mit dem Kopf, den man nicht wirklich deuten kann (ist wahrscheinlich auch das Ziel). Dies kann zu allgemeiner Verwirrung und Missverständnissen führen und ist langfristig äusserst mühsam (“Unser Projekt, bla bla bla” – Schlenker – “Was meinst du?” – Schlenker und nichtssagende Antwort – “Kostet es also 100 Rupien pro Stück?” – Schlenker).
  • Die Beantwortung der Standardfragen des Smalltalks mit neuen Bekanntschaften (“Woher kommt ihr?”, “Was seid ihr von Beruf?”, “Seid ihr verheiratet?” und “Wie viele Kinder habt ihr?”) führt oft dazu, dass die fragende Person ein etwas falsches Bild von uns hat, was nur teilweise beabsichtigt ist. Aus ihrer Sicht sind wir a) Schweizer (=reich), b) Doktor und Spitaldirektor (“Physiotherapeutin” und “Projektleiter im Spital” sind nicht gerade bekannte Begriffe hier), c) verheiratet (ist beabsichtigte Antwort, da dadurch vieles vereinfacht wird) und d) unfruchtbar (wer ist denn schon 27 und hat keine Kinder?)
  • Unser “Fankult”: Egal wo wir auftauchen, wir sind schnell von einer Horde Einheimischer umgeben, welche uns ausgiebig betrachtet (fast schon beglotzt), mit uns spricht (vorausgesetzt, dass genügend Englischkenntnisse vorhanden sind) und mit uns fotografiert werden möchte (wenn einer anfängt, wollen alle ein Bild Smiley). Ein freundlicher junger Mann hat uns darüber aufgeklärt, dass der Grund dieses – bei Begegnungen mit Weissen durchaus übliche – Verhaltens darin liegt, dass jeder gerne mit uns sprechen würde und alle enorm stolz darauf sind, dass wir (als reiche Westler, welche ja alles haben) ihr Land besuchen.
  • Wenn Mitgift, Religion und Status stimmen, sind Gefühle egal: In Indien wird – trotz verbot – noch heute in der Regel innerhalb derselben Kaste/Hierarchiestufe geheiratet, wobei die Ehe meist von den Eltern der zukünftigen Partner arrangiert wird. Auch die erwartete Höhe der Mitgift bestimmt den Wert einer Frau auf dem Heiratsmarkt entscheidend mit (eigentlich ebenfalls verboten). Wie uns ein verzweifelter junger Mann erzählte, ist ausserdem die Liierung zweier Liebender verschiedener Religionen ein komplettes Tabu.
  • Wir verstehen nur Bahnhof: Wir mussten sehr schmerzlich feststellen, dass es in Indien anscheinend Orte gibt, welche mehrere Bahnhöfe mit dem gleichen Namen haben, die aber trotzdem hunderte Kilometer voneinander entfernt sein können. So geschehen in Rajgarh, der Stadt, von welcher wir einen Zug nach Jaipur nehmen wollten. Wir hatten das Ticket gebucht und waren pünktlich am Bahnhof. Als dort der Zug nirgends aufgelistet war, haben wir uns erkundigt, auf welchem Gleis er denn fahren würde. Die freundlichen Bahnangestellten haben uns dann aufgeklärt, dass unser Zug leider nicht an diesem Bahnhof, sondern an einem Zweiten verkehren würde, welcher 130 Kilometer entfernt sei. Da aber bis zur Abfahrt nur noch 15 Minuten verbleiben würden, sollten wir doch auf den nächsten warten (welcher erst in 20 Stunden verkehrt!!!). Wie ihr wisst, haben wir dann doch lieber den Jeep genommen…

Hilfsprojekt in Bhorugram by Jenny: Unvergessliche Bekanntschaften, im positiven wie im negativen

Broschüren/ Poster für das Training von Patienten im Feld

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Für Patienten mit Atembeschwerden wegen Rauchen von Wasserpfeifen                (im PDF bei Nicola ist die Englische Übersetzung zu finden Smiley)

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Für Patienten mit Kniebeschwerden wegen falscher Sitzhaltung am Boden

Einige Eindrücke während der Zeit in Bhorugram

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Weg zum Büro                                       Weg zur Schule und zum Abendessen

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Hauptsache mit weissen Personen (Glücksbringer in Indien) auf einem Bild Smiley

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Jagd auf Ungeziefer                                   Hände hoch!

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Indisches Modeshooting im Sari mit der persönlichen Beraterin

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Innovative Kühlung von Verbrennungen    Pfauenfeder (heiliges Tier in Indien)

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Gastgeber bestanden darauf, Geschenkübergabe ausführlich festzuhalten

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Waschen wie zu alten Zeiten mit Laugenseife, Rubbeln und aufgeweichten Händen

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Bahnhof von Rajgarh (oder doch nicht?), wo unser Zug nie gefahren ist!

Delhi und Bhorugram (Bundesstaat Rajasthan) by Nicola: Vom Ghetto aufs Land…

und hoffentlich nicht wieder zurück Smiley. Als unser Privatjet, Typ Airbus A330-300 (nach unserer Zwischenlandung in Bangkok war das – zuvor randvolle – Flugzeug bis auf insgesamt ca. 15 Personen völlig leer), in der Hauptstadt Indiens gelandet war, wussten wir bereits nach wenigen Stunden, dass dieser Moloch definitiv nicht unser Favorit werden würde. Denn Delhi ist laut, überfüllt, stinkend und mühsam. Die Stadt mag zwar – wenn man sich genügend Zeit und vor allem Geduld nimmt – einiges an Kulturellem zu bieten haben, nachdem wir uns jedoch am ersten Tag mehrere Stunden in berstend vollen U-Bahnen (und mit “voll” meinen wir hier eine völlig neue Dimension, welche nicht einmal in den kühnsten arabischen und chinesischen Wahnvorstellungen erreicht wird; die Abteile sind so überfüllt, dass an der Station Aufseher mit Stockschlägen dafür sorgen, dass alle Leute aus- und möglichst viele einsteigen können) zum Bahnhof und zurückkämpfen mussten (jaaaa, wir durften wieder einmal unserem Lieblingshobby fröhnen und Bahntickets kaufen! Und wir dachten, dass dieser Wahnsinn nach China einfacher ausfallen würde…) und Nicola dabei die ganze Zeit auf Jennys Hintern aufpassen musste, damit dieser nicht einer der zahlreichen Grabsch-Attacken zum Opfer viel (gut, es gibt schlechtere Aufgaben Smiley), hatten wir die Nase gründlich voll und sind den zweiten Tag einfach im Hostel geblieben. Es gab sogar – nach den Überflutungen in China schon zum zweiten Mal – einen Zeitpunkt, zu welchem wir uns ernsthaft überlegt haben, dass Land umgehend wieder zu verlassen.

Da wir uns jedoch bereits vor einem Jahr für die Mitarbeit in einem Hilfsprojekt im Bundesstaat Rajasthan verpflichtet haben und wir nicht zu den Leuten gehören, die sich schnell unterkriegen lassen, haben wir am Morgen des dritten Tages die Zugreise von Delhi nach Jaipur angetreten. Und hier können wir Indien ein erstes Mal loben: Wir sind Fans der indischen Bahn! Man hat sehr viel Beinfreiheit, das ganze wird (zu) gut gekühlt und man wird umfangreich verwöhnt (man erhält Tee und Mahlzeiten serviert und auf Wunsch eine Tageszeitung in Englisch). Natürlich immer unter der Voraussetzung, dass man eine der besseren Klassen wählt (jaja, wir haben aus unseren “chinesischen Erfahrungen” die Lehren gezogen Smiley).

Da uns die Hilfsorganisation auf unsere letzten Mails, welche wir in Hong Kong geschrieben haben, nie geantwortet hat, bestand unsere erste Aufgabe in Jaipur darin, uns zum “Head Office” des “Bhoruka Charitable Trust” – kurz BCT – durchzuschlagen. Diese Hilfsorganisation ist der wohltätige Arm der “Transport Corporation of India” (grösstes Frachtgutunternehmen des Landes) und unterhält eine enge Partnerschaft mit der Universität St. Gallen. Dies ist auch der Grund, weshalb wir uns vor rund einem Jahr für Freiwilligenarbeit in einem Projekt in Bhorugram (Dorf in einer sehr abgelegenen, ländlichen Gegend von Rajasthan) beworben hatten. Dort unterhält BCT – neben einer angeblich sehr bekannten Schule – auch ein grösseres Spital mit 30 Betten für stationäre Patienten, in welchem wir aufgrund unserer Qualifikationen und Interessen gerne ein Projekt durchführen wollten.

So viel also zur Vorgeschichte… Als wir nun aber im Büro in Jaipur angekommen sind, wo wir zuerst den obersten Verantwortlichen der Stiftung treffen sollten, hatten wir den Eindruck, dass keiner mit unserem Erscheinen gerechnet hatte… Dank indischer Improvisationskunst war zwar schnell eine provisorische Unterkunft auf dem Campus des örtlichen Instituts für Gesundheitsmanagement gefunden, die Besprechung mit dem Chef am nächsten Tag war aber extrem kurz und eher ernüchternd, da er nicht wirklich auf uns eingegangen ist und wir den Eindruck hatten, dass noch nie jemand unsere Lebensläufe wirklich gelesen hat (einzige Aussage: “Ah, I remember the nice pictures!”; naja)!

So schnell liessen wir uns dann aber doch nicht entmutigen und konnten noch am Abend desselben Tages mit dem Projektleiter in Bhorugram in das, rund 7 Fahrstunden entfernte, Dorf fahren. Während der Fahrt wurden wir zwar gut versorgt, mit uns gesprochen oder sich auch nur vorgestellt hat sich der gute Mann jedoch nicht. Auch unser riesiger Bungalow in Bhorugram (zwei Schlafzimmer, zwei Duschen, zwei Toiletten, eine Küche und ein Vorraum) haben bei uns nicht den Anschein gemacht, als wäre jemand über unser Kommen informiert worden: alles lag unter einer monatealten Sandschicht und war bevölkert von Insekten der unterschiedlichsten Gattungen… Da am nächsten Tag Sonntag war und nicht gearbeitet wurde, hatten wir aber genug Zeit, um zu putzen Smiley Ausserdem liessen wir uns von einem sehr netten, jungen Angestellten noch das Spital zeigen und waren bei dessen Anblick – gelinde ausgedrückt – nicht erfreut… Stationäre Patienten gibt es hier schon lange keine mehr, geschweige denn die erwähnten 30 Betten! Auch das tägliche (ambulante) Patientenaufkommen beläuft sich nach Angaben der zuständigen Ärztin auf maximal 8 (!!!) Personen. Aha…

Wären wir nicht so sture Böcke bzw. Kämpfernaturen, hätten wir auch gleich noch den Montag freinehmen können, da wir vom lokalen Management weiterhin nichts hörten. Da wir jedoch nicht zum Spass hier sind, haben wir den zweiten Arzt hier kontaktiert, welcher jeden Tag mit der sog. “Mobile Medical Unit” – kurz MMU – von Dorf zu Dorf fährt, um der Landbevölkerung zu helfen. Auf unsere Anfrage hin hat er uns mitgeteilt, dass seiner Ansicht nach auf dem Land sehr wohl ein Bedürfnis für physiotherapeutische Dienstleistungen besteht. Also sind wir mit ihm mitgefahren und haben uns den ganzen Tag lang seine “Sprechstunde” (geschieht hier meist im Kindergarten des Dorfes und alle Einwohner schauen zu) angeschaut. Jennys’ Beobachtungen bestätigten, dass aufgrund lokaler Verhaltensweisen (Sitzhaltung am Boden, Rauchen) tatsächlich ein Bedürfnis für simple Atemtherapie-, sowie Knieübungen besteht. In unseren Köpfen entstand entsprechend schon ein Konzept (welches, verraten wir an dieser Stelle jedoch noch nicht, da noch zu viele Dinge unsicher sind…).

Am Dienstag war es dann (endlich) soweit und wir wurden ins Büro des “Managers” bestellt. Wir stellten ihm – im Beisein des “Landarztes” – unser Konzept und dessen Nutzen vor. Der Arzt war begeistert, den Manager hat es nicht interessiert, da er eher von Jenny über mögliche Lösungen für seine eigenen Leiden informiert werden wollte! Nachdem uns dann am selben Tag vom Manager eine simple Bitte abgelehnt wurde (wir waren wieder mit der MMU unterwegs in einem 15 Minuten entfernten Dorf; nach zwei Stunden waren wir mit unseren Beobachtungen fertig und fragten, ob uns der Fahrer zurückfahren könnte, damit wir nicht 5 Stunden warten müssten; da jegliche Fahrten bewilligungspflichtig sind, mussten wir den Manager kontaktieren; und er lehnte ab!) hat es uns gereicht: wir verfassten ein sehr wütendes Mail an das oberste Management, in welchem wir auch unser Konzept erläuterten und setzten ein Ultimatum: entweder wir würden in Zukunft alle benötigten Ressourcen erhalten oder aber am nächsten Tag unsere Sachen packen! Obwohl wir nicht damit gerechnet hatten, erreichte uns am nächsten Morgen eine schriftliche und telefonische Entschuldigung des Managements in Jaipur und die Zusage der benötigten Ressourcen…

Wir sind nun dabei, unser Konzept im Detail auszuarbeiten. Sollten wir in der nächsten Zeit wirklich alle gewünschte Unterstützung erhalten (wir sind da noch etwas skeptisch), werdet ihr erst in einigen Wochen wieder von uns hören, wenn das Projekt abgeschlossen ist. Ansonsten bereits wieder früher und von einem anderen Ort Smiley

Delhi und Bhorugram (Bundesstaat Rajasthan) by Jenny: Ein Moloch und der völlige Gegensatz beim Start des Hilfsprojektes

Delhi

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Der einzige schöne Fleck in Delhi

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Liegende Wartezone am Bahnhof              ACC-Abteil (zweithöchste von 7 Klassen)

Erstes Treffen mit BCT (Bhoruka Charitable Trust) im Campus in Jaipur

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Fahrt zum Campus mit der Rikscha                            Guesthouse auf dem Campus

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Garten auf dem Campus                             Die erste heilige Kuh auf dem Kreisel

Ankunft in Bhorugram: Die Hauptbasis für das Hilfsprojekt

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Unser Unterkunft in Bhorugram                  Der Garten vor dem Bungalow

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Unser Schlafzimmer                                                    Befreiung von Ungeziefer

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Unsere Küche                                                               Wieder mal Wäsche trocknen

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Umgebung

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Naturwecker am Morgen

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Wasserreservoir für Trinkwasser                                Tempel

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Schulhaus von Bhorugram

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Spital (oder doch nur eine Arztpraxis?) in Bhorugram!

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Mobile Medical Unit (MMU)      Unser Einsatzort (Feld-Campus in einem Dorf)

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Patienten im Feld-Campus

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Unser Büro in Bhorugram