“Wie erkennt man einen Langzeitreisenden?” Teil 1

Praktisch alle Rucksackreisenden, welche länger als drei Monate unterwegs sind, gewöhnen sich mit der Zeit gewisse Verhaltensmuster und “Überlebensstrategien” an. Wir haben unsere Angewohnheiten kritisch analysiert und stellen euch nachträglich die prägnantesten “Reiseangewohnheiten” vor. Man erkennt einen Langzeitreisenden daran, dass…:

  • …die Hälfte seines Rucksackvolumens mit Klopapier und Feuchtetüchern gefüllt ist: Da die meisten Unterkünfte – ganz zu schweigen von den öffentlichen Toiletten – in asiatischen Ländern kein Toilettenpapier zur Verfügung stellen, ist man gut beraten, immer einen eigenen Vorrat davon mitzuführen. Schliesslich weiss man ja auch nie, wann einen der nächste Durchfall ereilt…
  • …die Abfallkübel in seinem Zimmer mit benutztem Klopapier gefüllt sind und der restliche Müll aus Platzmangel im Kübel auf dem Boden verteilt ist: Die Abflussrohre der von uns besuchten Länder (mit Ausnahme von Russland) sind nämlich anfällig auf Verstopfungen…
  • …er sich die Hände nach Erledigung seines Geschäfts oder sonstiger schmutziger Tätigkeiten nicht wäscht, sondern desinfiziert. Grund: Bakterien treiben sich in den schmutzigen Städten dieser Gefilde überall herum und es darf auch angenommen werden, dass das Wasser nicht sauber ist…
  • …er sich die Zähne mit Mineralwasser putzt. Aus oben genannten Gründen, ist Wasser aus dem Hahn in Ländern wie Indien nicht die erste Wahl. Steht Mineralwasser nicht zur Verfügung, tut es auch Bier, Cola oder Tee. Allerdings nur kurzfristig Smiley
  • …er einen Freudentanz unter der Dusche aufführt, wenn er auf warmes Wasser stossen sollte. Da dies normalerweise nämlich nicht der Fall ist, gehören “Ressorts” mit Heisswasser für ihn bereits in die Kategorie “Luxushotel”.
  • …es für ihn selbstverständlich ist, auf der Toilette zu sitzen und sich gleichzeitig die Füsse waschen zu können. Klingt nach Luxus? Der Grund ist leider eher darin zu suchen, dass Dusche und Toilette in unmittelbarer Nähe zueinander zu finden sind (sprich: der Duschkopf hängt über der Schüssel).
  • …er auch in der tiefsten Wildnis abends meistens frisch geduscht zum Essen erscheint. Die Erfahrungen lehren einen nämlich, dass obwohl zu Beginn vielleicht lustig, der erzwungene Verzicht auf reinigendes Nass langfristig zu Nachteilen verschiedener Art führt: es juckt einen überall, man ist den ganzen Tag von Fliegen umgeben, die Mitreisenden nähern sich nur noch auf drei Meter, man getraut sich die Arme nur noch zu heben, wenn man allein ist, etc. Lösung: Man legt sich einen Vorrat an leeren Pet-Flaschen zu und füllt diese bei jeder Gelegenheit mit Wasser aus Flüssen, Seen, etc.
  • …er mehr Telefonnummern besitzt, als ein durchschnittliches Call-Center. Ursache ist nicht etwa, dass zahlreiche VerehrerInnen vorhanden wären, welche nichts voneinander wissen dürfen, sondern viel mehr die exorbitanten Roaming-Kosten von europäischen Telefonanbietern. Der Kauf von lokalen Prepaid-SIM-Karten ist fast immer die günstigere Alternative und ermöglicht einem i.d.R. auch den Zugang ins Internet, wenn mal kein WLan zur Hand sein sollte…
  • …er auf jedes Bett noch den eigenen Seidenschlafsack legt, obwohl es doch frisch bezogen ist. Tatsächlich? Nun, wenn man einmal selbst miterlebt hat, wie indische Bahnangestellte das Bettzeug in der obersten (!!!) Klasse “reinigen” (das Kissen wird mit dem Besen abgebürstet, mit welchem man zuvor den Boden gekehrt hat, das Leintuch wird geschüttelt und unmittelbar wieder gefaltet), ist man sich nicht mehr unbedingt sicher, ob das Jucken am Hinterkopf nicht eventuell doch Flöhe sind…
  • …Multivitamine einen fixen Bestandteil der täglichen Nahrung darstellen. In Ländern wie China gibt es nämlich nur extrem selten frisches Obst und in Indien…nun ja, wer will in Varanasi denn eine Frucht essen, welche mit Ganges-Wasser grossgezogen wurde? Dass wäre ja, als ob man aus Sorge um seinen Cholesterinspiegel nur noch Eier essen würde…
  • …er nicht mehr in der Lage ist, mit Messer und Gabel zu essen. Monatelanges Speisen mit Stäbchen und Fingern führen nämlich dazu, dass man vergisst, wie es zuhause war: “Hält man die Gabel nun mit links oder rechts?”, “Wieso kann ich nicht einfach vom Steak abbeissen?”
  • …Schlürfen und Schmatzen zu festen Bestandteilen einer jeden Mahlzeit geworden sind. Erstens gilt dies in vielen Ländern nicht als unanständig und wird teilweise sogar erwartet und zweitens ist es einfach verdammt schwierig, eine Nudelsuppe mit Stäbchen zu essen (dies schaffen übrigens auch die Chinesen nicht ohne lautstarkes Geschlürfe).
  • …ihm seine Trinkflasche aus billigem Plastik (gekauft in China) als “Multifunktionsbehälter” dient: man kann damit nicht nur wunderbar Wasser in kleineren Mengen transportieren, sondern auch Instantkaffe, -tee und –suppen, sowie Cocktails “anmischen” (alles hineinfüllen, gut verschrauben, schütteln, fertig!)…
  • …er aus lauter “Gewöhnung” an die Flasche auch bei Mahlzeiten zu Tisch vergisst, dass man Getränke aus Anstandsgründen ja normalerweise zuerst in die bereitgestellten Gläser umfüllt und nicht direkt aus der Flasche trinkt…
  • …jede Apotheke verglichen mit seinem Vorrat an Medikamenten gleich dichtmachen kann. Man will ja schliesslich gegen alles mögliche gewappnet sein und nicht irgendwo in der Pampa zum Tierarzt müssen. Vom einfachen Mittel gegen Durchfall, über Fiebersenkende Pillen und einem Jahresvorrat an Multivitaminen, bis hin zu Tabletten gegen Malaria ist einfach alles dabei und wir hoffen, dass uns nie ein übereiferiger Zollbeamte mit einem Drogendealer verwechselt Smiley
  • …überall wo er gewesen ist, alle “Gratisartikel” mitgenommen worden sind: egal ob Duschgel, Zahnbürsten, Körperlotion, Teebeutel, Instantkaffee oder einfaches Milchpulver. Es wird mitgenommen, was nicht niet- und nagelfest ist (manchmal sogar das Toilettenpapier aus dem Hotelzimmer, falls denn welches vorhanden gewesen ist…).
  • …er seine Bücher nur noch in elektronischer Form mitführt: nach einigen Wochen mussten wir feststellen, dass es einfach sehr mühsam ist, einen Vorrat an Reiseführern (einige davon – z.B. diejenigen von China und Indien – können mehrere Kilos wiegen) mitzuschleppen. Ausserdem kostet das Nachsenden aus der Heimat jeweils ein kleines Vermögen, ganz zu schweigen von der Frage, ob das Paket jemals an seinem Zielort eintrifft. Unsere Lösung für das Problem heisst “Galaxy Tab 2” und kommt aus dem Hause Samsung. In China gekauft war das etwa gleich teuer, wie der Versand von drei Paketen…
  • …er seine Wertsachen im wahrsten Sinne des Wortes “unter seiner Matratze aufbewahrt”. Und zwar sowohl tagsüber wenn man zum Strand geht (ein Geldgurt eignet sich nicht zum Baden, da nicht wasserdicht), wie auch Nachts, wenn man befürchten muss, dass die eigene Zimmertür doch kein allzu grosses Hindernis für potentielle Langfinger ist…
  • …sein Zimmer trotz längerem Aufenthalt nie geputzt wird, da die Tür bei Abwesenheit durch ein zusätzliches Stahlkabel mit Vorhängeschloss gesichert wird. Uns ist nämlich hinlänglich bewusst, dass jede Unterkunft immer noch mindestens einen Ersatzschlüssel in Reserve hat. Und da unsere Wertgegenstände (PC, Kamera, MP3-Player, etc.) in vielen Ländern den Gegenwert mehrerer Monatslöhne haben, wollen wir die Reinigungskraft gar nicht erst in Versuchung führen…
  • …er immer Flip-Flops trägt. Deren Eigenschaften (leicht, luftdurchlässig, “wasserdicht”, geschmacksneutral, günstig zu ersetzen) machen sie zum idealen Schuhwerk auf Langzeitreisen, welches man nie missen möchte.
  • …bei einer Reise als Paar sog. “partnerfreie Tage” eingeführt werden müssen: die andauernde Nähe (24 Stunden am Tag) und Abhängigkeit voneinander (jemand spricht diese Sprache, die andere Person ist besser im verhandeln, etc.) führt dazu, dass man sich gegenseitig irgendwann extrem auf die Nerven geht. Also immer wieder einmal einen längeren Aufenthalt an einem Ort einplanen und dann für ein paar Stunden oder einen Tag getrennte Wege gehen!
  • …er überall um den Preis feilscht und selbst den Taxifahrer fragt, ob im Fahrpreis der Treibstoff und der Transport des Gepäcks enthalten sind oder extra kosten. Die Erfahrung aus den verschiedenen Ländern hat uns gezeigt, dass den kreativen Einfällen bezüglich Touristenabzocke keine Grenzen gesetzt sind und manche besonders “geschäftstüchtige” Individuen nicht einmal davor zurückschrecken, einen an den falschen Ort zu fahren, um sich den zweiten Teil des Weges zum korrekten Ziel dann ein weiteres Mal teuer bezahlen zu lassen…
  • …Google-Translate (Übersetzungsdienst des Internetriesen) zu einem der meistgenutzten Werkzeuge auf dem eigenen Handy wird. Leider können ältere Geräte aber gewisse Sprachen (z.B. Hindi) nicht mehr korrekt darstellen Smiley
  • …er sich immer zuerst das Zimmer inklusive Bad und Bettwäsche zeigen lässt, bevor er eine Übernachtung bucht bzw. bezahlt: Versprechungen, Bilder oder Aussagen entsprechen oft nicht der Realität. Hat man aber erst einmal bezahlt, ist eine Reklamation praktisch unmöglich…
  • …der Kampf gegen blutsaugende Biester mit allen nur erdenklichen Mitteln geführt wird: lange Kleidung, Salbe, Spray, chemische Raumbestäuber, brennbare Spiralen, Insektenvernichtungsmittel und und und… alles mehr oder weniger wirkungsvoll und deshalb bevorzugt in Kombination angewandt…
  • …der Schal insbesondere für weibliche Langzeitreisende zum stetigen Begleiter wird: die Besichtigung religiöser Stätten, extremes Kühlen öffentlicher Räume, schmutzige Sitzgelegenheiten oder gaffende Inder erfordern je nachdem den Einsatz eines solchen Tuchs…
  • …er Plastiksäcke nicht nur als Wegwerfgut, sondern als wertvolle Gegenstände mit multifunktionalem Einsatzzweck betrachtet. Sie bieten ihrem Inhalt Schutz vor Wasser und Getier, man kann sich darauf setzen, sie verhindern das Auslaufen von Flüssigkeit in den Rucksack, etc.