Balkanreise by Nicola: pure Emotionen

Wenn es in der Schweiz um das Thema „Balkan“ geht, scheiden sich die Geister und es werden aufgrund von eigenen Erfahrungen mit Auswanderern aus dieser Region bzw. deren (Schweizer) Kinder, (Räuber-)Geschichten anderer Personen, Klischees oder Medienberichten die kontroversesten Diskussionen losgetreten. Wir hatten viel von der Schönheit dieser Gegend gehört und wollten uns selbst davon überzeugen, was alles an dem dran ist. Und eines vorweg: so manches Klischee trifft zu, andere wiederum so gar nicht.

Da wir aufgrund von Jennys‘ fortgeschrittener Schwangerschaft vom ursprünglichen Plan, unseren Roadtrip mit einem weiteren Segeltörn zu verbinden, wieder abgekommen sind, haben wir uns für Podgorica als Ausgangspunkt für unsere knapp dreiwöchige Reise entschieden. Im Gegensatz zu den „einschlägigen“ Flughäfen der Region, wie Split oder Dubrovnik, ist der Flughafen der Hauptstadt von Montenegro eher beschaulich und mit knapp zwei Dutzend Flügen pro Tag nicht besonders stark frequentiert, bietet jedoch ausgesprochen günstige Direktflüge von und nach Zürich. Ausserdem würde unser abschliessender Strandurlaub auch in Montenegro stattfinden, wodurch wir schnell wieder beim Flughafen wären.

Da ein öffentliches Verkehrsnetz in den Ländern Ex-Jugoslawiens abgesehen vielleicht von den grossen Städten non-existent ist, haben wir bereits im Vorfeld einen Mietwagen gebucht. Obwohl extrem gut versichert (von den totalen Mietkosten haben Versicherungen mit etwa 70% zu Buche geschlagen), ist der Mitarbeiter am Schalter der Vermietungsfirma merklich erbleicht, als er auf seine Frage, ob wir gedenken, das nagelneue Auto (800 KM auf dem Tacho) in ein anderes Land zu nehmen, mit „Bosnien“ und „Kroatien“ geantwortet haben. Und natürlich hat er uns postwendend einen Zuschlag für „das Führen eines Mietwagens in Ländern in welchen dies gemäss AGB nicht erlaubt ist“ aufgedrückt und einen dubiosen Stempel in den Mietvertrag gestampft. „Das kann ja heiter werden“, haben wir uns gedacht und wären – trotz aller Vorsicht – beim Ausfahren aus dem Flughafengelände schon fast gerammt worden. Diese Rücksichtslosigkeit und den Egoismus im Strassenverkehr, welche die Einheimischen (übrigens sehr oft auch mit CH-Nummer und BMW oder Merz) hier an den Tag legen, sollte uns während der ganzen Reise begleiten und regelmässig dazu führen, dass Nicola fast einen Herzinfarkt gekriegt hätte. Klischee Nr. 1: leider bestätigt.

Die ersten beiden Tage haben wir in der Umgebung von Podgorica verbracht, um uns zu akklimatisieren und einen Abstecher zum Skadar-See zu machen. Der grösste See des Balkans und seine Umgebung stehen unter Naturschutz und können nur mit geführten Bootstouren und unter Bezahlung einer Eintrittsgebühr in das Reservat angeschaut werden. Das Ganze ist jedoch äusserst lohnenswert, da der See zu grossen Teilen von Seerosen überwachsen ist, welche während unseres Besuchs gerade in Blüte standen. Ausserdem wird auf der Rundfahrt auch ein Badestopp gemacht, welcher eine willkommene Abkühlung von den schwülen Temperaturen bietet (gemäss Guide kann es im Sommer bis zu 45 Grad heiss werden). Da unser junger Guide auch sehr gut Englisch gesprochen hat, haben wir von ihm viel Wissenswertes rund um Montenegro und dessen Geschichte erfahren, so zum Beispiel auch, dass sich das kleine Land in den ganzen Jugoslawienkriegen mehrheitlich rausgehalten hat, dass die Regierung heute gerne in die EU möchte, obwohl die Bevölkerung dem skeptisch gegenüber steht (sie befürchten insbesondere hohe Zölle auf den hier ach so wichtigen Tabak) oder dass das Nachbarland Albanien und insbesondere dessen Einwohner als verrückt angesehen werden (sollten wir immer wieder hören).

Unsere erste lange Fahrstrecke sollte uns in etwa drei Stunden zum zweiten Etappenziel bringen: nach Mostar in Bosnien & Herzegovina. Die Betonung liegt hier ganz klar auf „sollte“: schlechte Strassen, welche auch noch unvermittelt und ohne Vorankündigung gesperrt werden, enorm zeitraubende Grenzübertritte zwischen den Ländern, Tiere auf der Strasse (Nicola hat fast einen Truthahn überfahren), plötzliche, sintflutartige Regenfälle oder Stau wegen Motorüberhitzung oder Unfällen haben uns bereits am ersten Fahrtag gelehrt, dass vernünftige Zeitschätzungen beim Verkehr hier wohl nicht möglich sind. Und so sind wir dann nach viereinhalb Stunden in Mostar angekommen… Die Stadt selbst entlohnte uns mit ihrer wunderschönen Altstadt, der weltbekannten Brücke und dem exzellenten Essen mehr als nur für die Strapazen. Da es auch einige lohnenswerte Ausflüge in der Region gibt – z.B. die Kravice-Fälle – und man in den Kriegsmuseen sehr viel Wissenswertes rund um den tragischen Konflikt in Bosnien lernen kann, können wir die Gegend sehr empfehlen. Punkto Essen. Klischee Nr. 2 „man isst hier (fast) nur Cevapcici“ hat sich bisher (in einem sehr positiven Sinn) ebenfalls erfüllt: solche riesigen und wohlschmeckenden Fleischportionen wie hier, kriegt man fast nirgends auf der Welt. Und wenn die Portionengrösse wieder einmal völlig over the top war, kann man sich das Ganze einfach einpacken lassen und einem der zahlreichen Bettler vorbeibringen (die Stadt ist auch heute noch in vielerlei Hinsicht vom Krieg geprägt).

Auf der Fahrt von Mostar nach Split, wo wir auf eine Fähre zur Insel Vis einschiffen wollten, wird dann mit jedem Dutzend zurückgelegte Kilometer mehr ersichtlich, dass es Kroatien wirtschaftlich wesentlich besser geht und die Bedeutung des Tourismus weitestgehend erkannt wurde: gut ausgebaute Autobahnen, ein besserer Umgang mit der Natur (in Montenegro und Bosnien werden Abfälle einfach dort fallengelassen, wo man sich gerade befindet und kleine Katzen welche in Restaurants um Futter betteln werden von Kindern gestreichelt oder geschlagen, wie es gerade beliebt und die Eltern schauen einfach zu, etc.), aber auch ein merklich höheres Preisniveau stechen im Staat mit dem grössten Teil der Adria-Küste ins Auge. Da könnte man meinen, dass die Einschiffung in der grössten Stadt im Süden Kroatiens einigermassen gut organisiert wäre. Zum Glück hatten wir, gemäss Faustregel von unserer Reise nach Bosnien, bereits 20% Extra-Zeit eingerechnet und diese nicht für die Fahrt selbst gebraucht. So konnten wir auch den einstündigen (!!!) Stau auf den letzten zwei Kilometern zum Hafen verkraften, ohne die Fähre zu verpassen (Grund für den Stau war übrigens, dass alle Einheimischen auf der Gegenspur oder „Schleichwegen“ nach vorne fahren und dort einfach reinquetschen, ohne Rücksicht auf Verluste).

Vis selbst gilt als eine der ruhigsten Inseln vor Split, da nicht wirklich partytauglich (die Nachbarinseln Hvar und Brac werden in der Hochsaison von feierwütigen Jugendlichen förmlich überrannt). Und weil selbst die einzige Sehenswürdigkeit, welche wir uns fix eingeplant hatten, während der Saison von Tagestouristen überschwemmt wird und die Preise für eine sechsminütige Besichtigung inkl. Bootstransfer entsprechend exorbitant sind (die Kroaten haben ein sehr ausgeprägtes Gespür für Angebot und Nachfrage), haben wir die drei Tage/Nächte vor allem relaxed und einfach nichts getan.

Die so angesammelte Energie konnten wir gut für die folgende Reise nach Dubrovnik (eine Enklave von Kroatien, d.h. man reist aus Kroatien aus und nach Bosnien ein und dann wieder zurück nach Kroatien), sowie die Besichtigung dieser altehrwürdigen und in neuerer Zeit insbesondere aus Game of Thrones bekannten Stadt gebrauchen. Und obwohl Dubrovnik zweifellos DER Touristenmagnet in der Gegend ist, sollte man sich davon nicht abschrecken lassen und ein, zwei Tage in und um die wunderschöne Altstadt verbringen: „rein, schauen, raus“ oder so…

Nach drei Ländern und dem ganzen Sightseeing war für die Schwangeren Strandurlaub angesagt. Nur, wo zum Teufel gibt es hier „richtigen“ Strand, d.h. mit Sand und nicht Kies? Wir wussten das natürlich und haben bereits im Voraus ein Häuschen in der Region des absoluten Geheimtipps in Europa, was Strandferien anbelangt, gebucht: Ada Bojana, ein Naturschutzgebiet auf einer Insel, von einem Flussarm getrennt von Montenegro und von einem anderen von Albanien. Dort wo der Fluss ins Meer fliesst, erstreckt sich ein 18 Kilometer langer und bis zu 400 Meter breiter Sandstrand aus feinstem, schwarzem Sand. Was noch besser ist: man kann sich tolle „Wasserbungalows“ entlang des Flusses mieten, von deren Terrassen man direkt in das kühle Nass springen kann. Eine riesige Kite-Only-Zone mit 90% Windwahrscheinlichkeit im Sommer gibt es auch und an jeder Ecke steht ein tolles Restaurant mit herrlichem frischen Fisch. Wenn man am Wochenende nicht gerade lärmempfindlich ist (das junge Partyvolk von Montenegro lässt es dann gerne am Strand oder in dem Flusshüttchen krachen), der absolute Traum!

Entsprechend endet hier unser Beitrag auch mit Klischee Nr. 4 und 5: wir wurden von der Schönheit der Gegend nicht enttäuscht und können sie ebenfalls nur loben. Auch die Menschen hier sind in einem positiven Sinn sehr emotional: wenn nicht gerade gegen alle gewettert wird, obwohl man selbst als einziger Esel in eine offensichtliche Einbahnstrasse gefahren ist und alle anderen blockiert, es aber nicht so sehen will, sind die Leute sehr herzlich, zuvorkommend und kontaktfreudig. Und kochen können die! Wir haben nie schlecht gegessen.

Unser Gesamtfazit: hinfahren, geniessen und einfach vor jeder Autofahrt ein Valium schlucken.

Ein Gedanke zu „Balkanreise by Nicola: pure Emotionen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s