Java by Nicola: Beitrag zur Beseitigung von Klischees

Wie stellt man sich ein Land vor, von welchem man keine Vorstellungen hat? Genau, man bedient sich an gängigen Klischees. Uns ging es genau so, als wir von Singapur nach Indonesien gereist sind. Von dem Land, welches aufgrund eines kurzfristigen Entscheides zum neuen Reiseschwerpunkt in Südostasien (an Stelle von Vietnam und Kambodscha) “befördert” wurde, hatten wir nur wenig Wissen, aber einige Erwartungen. Welche das waren, ob sie sich erfüllt haben oder doch nur Klischees entsprechen und welches die sich daraus ergebenden Folgen sind, seht ihr nachfolgend:

  • Indonesien besteht aus hunderten von Inseln –> wahr –> Die Fortbewegung im Land wird durch diese Tatsache teilweise massiv erschwert, da nicht alle Inseln gut erschlossen sind. Boote (sinkgefährdet), Züge (gibt es nur auf Java) und Flüge (teuer) sind nicht immer eine Alternative, weshalb man oft gezwungen ist, längere Busfahrten (10-15 Stunden) zu unternehmen, um von A nach B zu kommen.
  • Indonesien hat die viertgrösste Bevölkerung der Welt –> wahr –> Die Befürchtung, dass alle öffentlichen Transportmittel – ähnlich indischen oder chinesischen Verhältnissen – masslos überfüllt sind, ist dennoch nur teilweise berechtigt, da a) viele Einheimische den Roller zum einzigen (Familien-)Fortbewegungsmittel auserkoren haben (wird auch dazu verwendet, einen ganzen Haushalt zu zügeln) und b) gewisse Transportmittel (Zug, spezielle Sammeltaxis, bei welchen garantiert wird, dass man auch einen Sitzplatz erhält) für die meisten Indonesier zu teuer sind.
  • Das Land beherbergt (in absoluten Zahlen) die meisten Muslime der Welt –> wir haben zwar nicht selbst nachgezählt, aber das wird schon so stimmen Smiley–> Folge ist, dass bei uns eine ganze Menge an damit verbundenen Vorstellungen entstanden sind:
    • Die Frauen werden zuhause eingesperrt und man sieht nur Männer auf der Strasse –> völlig falsch: Da es in Indonesien (im Gegensatz zu China und Indien) nicht als Nachteil gilt, Töchter zu haben, ist der Frauenanteil in der Bevölkerung sehr hoch. Auch werden die Damen des Hauses nicht weggesperrt, sondern gehen sehr oft selbst arbeiten, weshalb man oft mehr Frauen als Männer antrifft. Äusserst bemerkenswert ist ausserdem die Tatsache, dass weibliche Angestellte auch nicht davor zurückschrecken, mit männlichen Gästen Augenkontakt aufzunehmen und einen fast schon anzustarren (= “weibliche Inder”?).
    • Diejenigen Frauen, welche doch nach draussen dürfen, müssen ein Kopftuch tragen oder werden sogar komplett “eingepackt” –> völlig falsch: Es tragen zwar etwa rund die Hälfte aller Frauen ein Kopftuch, dies allerdings wohl eher freiwillig und teilweise sogar nur als Mode-Accessoire.
    • Der Muezzin weckt einen früh morgens mit seinem Gebetsaufruf –> teilweise wahr: Logiert man per Zufall in der Nähe einer Moschee (in den muslimischen Städten mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit der Fall), wird man tatsächlich um ca. 05:00 vom “Gesang” (verdient bei einigen Muezzinen diese Bezeichnungen auch, bei vielen klingt es jedoch mehr nach dem Gekrächze eines Kettenrauchers) aus dem Schlaf gerissen. In denjenigen Gemeinden mit mehrheitlich anderen Glaubensrichtungen – und von denen gibt es erstaunlich viele – ist dies jedoch nicht der Fall.

Dass die meisten dieser Klischeevorstellungen eben genau nur das sind und die Menschen in Indonesien einem in aller Regel sehr offen und mit grosser Freundlichkeit begegnen, hat uns sehr positiv überrascht und zu “Fans” von diesem Land gemacht. Bereits der Zollbeamte am sehr kleinen Flughafen von Yogyakarta (eine Piste und ca. drei “Gates”, wobei es jeweils einen Schalter für den Kauf des Visums sowie einen für die Einreise selbst gibt) begrüsste uns mit einem Lächeln, warf einen Blick in unsere Pässe… und ging in die Kaffeepause (nach ca. 10 kontrollierten Pässen! Smiley). Auch der generelle Lebensstandard im Inselreich ist nicht vergleichbar mit indischen Verhältnissen, sondern erreicht schon fast chinesisches Niveau. Die Kehrseite der Medaille ist ein Preisniveau, welches deutlich über unseren Erwartungen liegt und unser Budget etwas ins Schwitzen bringt. Die “Schuld” daran tragen einerseits enorme Preiserhöhungen in den letzten zwei Jahren (Dinge, welche 2010 umgerechnet CHF 10.- gekostet haben, kosten heute CHF 20.- oder mehr!), sowie der Lonely Planet – Reiseführer, welchen wir gekauft haben und dessen Daten so kreuzfalsch sind, dass wir uns ernsthaft fragen müssen, ob die Autoren jemals in Indonesien waren.

In Yogyakarta haben wir uns einige Tage gegönnt, um uns an dieses faszinierende aber auch schwer verständliche Land zu gewöhnen, einen geführten Ausflug zu den Tempelanlagen von Borobudur und Prambanan zu unternehmen, Bahntickets zu buchen (funktioniert reibungslos, vorausgesetzt, dass man Google-Translate griffbereit hat; die Homepage ist nämlich vorwiegend in Indonesisch gehalten), zu bummeln (in Yogyakarta vorwiegend zwischen 07:00 und 14:00 möglich, da dies die regulären Arbeitszeiten sind; kein Witz!), uns mit dem Fahrrad-Rickshaw durch die Stadt fahren zu lassen und gute Donuts zu essen (verkaufen sich hier besser als in den Staaten).

Nach so vielen Städten (Mumbai, Singapur und Yogyakarta) und wenig Bewegung, war das Ziel unserer nächsten Reiseetappe ganz klar auf körperliche Betätigung ausgelegt: wir fuhren mit dem Zug (natürlich erste Klasse Smiley; wobei wir im Nachhinein feststellen mussten, dass es die Zweite genauso getan hätte…) nach Surabaya, einer Stadt an der Nordküste von Java, welche uns als Basis für einen zweitägigen Ausflug auf den – noch aktiven – Vulkan Bromo dienen sollte. Nach einer ziemlich heissen und schlaflosen Nacht in einem Hostel mit vielen Mücken (eine umgebaute Villa mit “Openair-Badezimmer” als Highlight, wobei die Zimmer selbst leider auch ziemlich “open air” sind) sind wir früh aufgestanden, um den ersten Bus in Richtung Probolinggo zu kriegen. Von diesem Örtchen sollte dann ein Minibus an den Kraterrand des Tengger fahren, wo wir die Nacht verbringen wollten. Dank “mafiöser” Umstände (siehe weiter unten für Erklärungen) wurden aus zwei Busfahrten plötzlich eine Bus-, eine Minibus- und eine Taxifahrt, welche mehr kosteten und insgesamt auch noch erheblich länger dauerten… Endlich oben angekommen, haben wir sofort die Kraterdurchquerung des Tengger (erloschener, alter Vulkan, in dessen Kraterzentrum der Bromo entstanden ist; der Kraterboden besteht aus einem Sand-Asche-Gemisch, welches für geschwärzte Füsse sorgt, auch wenn man Socken und geschlossene Schuhe trägt!) und den Aufstieg zum Bromo in Angriff genommen. Zurück in der Unterkunft sind wir dann bereits um 18:30 ins Bett gegangen, um morgens um 03:00 frisch und munter aufzustehen und pünktlich bei Sonnenaufgang beim Aussichtspunkt zu sein. Die Einzigen waren wir dort zwar nicht (die “normalen” Touristen lassen sich mit Jeeps und Motorrädern hinaufkarren, so dass sie schlussendlich nur noch 10 Minuten zu gehen brauchen, anstelle von 2 Stunden!), schön war es aber trotzdem.

Nach unserer (diesmal planmässig verlaufenden) Rückkehr nach Surabaya und einer zweitägigen Erholungsphase (dieses Mal mit Klimaanlage und viiiiel Mückenspray) sind wir per Bahn, Bus und Schiff nach Denpasar (Bali) weitergereist.

Speziell in einem so vielfältigen Land wie Indonesien gibt es praktisch täglich neue Dinge zu entdecken und zu lernen. Die interessantesten “lessons learned” möchten wir jeweils am Ende eines Kapitels vorstellen:

  • Vorausgesetzt, dass man nicht länger als 30 Tage im Land bleibt, kann man als Schweizer das Indonesienvisum direkt bei Ankunft am Flughafen kaufen (sog. “Visa on arrival”). Was in der Theorie einfach klingt, hat zumindest in der indonesischen Praxis jedoch einen Haken: bezahlt werden kann das Visa nämlich a) nur in bar und b) nur mit Dollarscheinen des Druckjahrgangs 2009 oder jünger! Glücklicherweise konnten wir den benötigten 50er gerade so zusammenkratzen…
  • Sollte man, wieso auch immer, als “harter” Individualtourist doch einmal eine geführte Tour buchen (z.B. um andere Leute kennenzulernen, Geld zu sparen oder einfach um sich zu vergegenwärtigen, dass man alleine den Ausflug doch besser hingekriegt hätte Smiley), muss man den Zukauf des optionalen Frühstücks um jeden Preis vermeiden: alte, halb verfaulte Früchte, verbranntes Toastbrot und eine schwarze Brühe, in welcher der Löffel fast stehen bleibt und welche hier Kaffee genannt wird, verdienen nicht, dass man mehr bezahlt (und wenn es auch nur ein Franken ist!).
  • Individualtouri vs. Mafia: Was brutal klingt, ist in Indonesien Alltag. Dabei geht es zwar nicht gerade ums Überleben, sehr wohl aber um den Pegelstand in der Brieftasche und das Durchsetzen der eigenen Reisepläne: damit möglichst viele Einheimische (Taxifahrer, Hotelier, Restaurantbesitzer, Reiseleiter, Reisebüro, Träger, etc.) ein Stück vom “Tourismuskuchen” abkriegen, wird der Besuch von Sehenswürdigkeiten nur als Pauschalarrangement angeboten. Man muss sich somit zwar nicht um Hotel, Transport, Verpflegung, Eintrittsgebühren, etc. kümmern, wird dann aber wie Vieh durch die Sehenswürdigkeiten getrieben und hat auch keinerlei Mitspracherecht. Will man – wie wir – alles auf eigene Faust besuchen, erfordert dies viel Zeit und noch viel mehr Geduld: der Busfahrer lädt einen dann nämlich zu früh aus, damit man noch das Taxi nehmen muss; der Taxifahrer selbst fängt beim Feilschen beim vierfachen Preis an und lässt sich nur sehr langsam drücken (meist wird der angemessene Preis erst angeboten, wenn der öffentliche Bus – den es laut Aussagen des Taxifahrers ja gar nicht gibt – um die Ecke biegt…).
  • Indonesien ist definitiv kein Reiseziel für Nachtaktive und Langschläfer: abgesehen vom “Wecker auf dem Turm” (= Minarett mit Lautsprecher) ist auch sonst nix mit ausschlafen. Die einheimische Bevölkerung steht mit der Sonne auf und geht bald nach Sonnenuntergang zu Bett. Für die Gäste bedeutet dies: man muss regelmässig morgens um 03:00 aufstehen, um pünktlich am Flughafen zu sein (die meisten Flüge starten zwischen 06:00 und 08:30!), den Bus zu erwischen (i.d.R. um 07:00) oder den Sonnenaufgang zu sehen (um 05:00). Auch gibt es Abends maximal bis um 21:00 etwas zu essen, da dann auch der letzte Indonesier zu Bett geht…

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