Sha(a)nxi by Nicola: Der Kluge reist im Zuge…oder vielleicht etwa doch nicht?

Nun, den ersten Teil dieses Satzes dachten wir uns auch (noch), als wir in Peking die Bahntickets für unsere Reise durch Zentralchina buchen wollten. Dank einer freundlichen und sehr kompetenten Hostelmitarbeiterin waren die Fahrkarten rasch organisiert, auch wenn uns ihr fast schon entsetzter Blick bei der Reservation von Sitzplätzen für die erste Fahrt von Peking nach Datong (sechseinhalb Stunden), verbunden mit der Tatsache, dass chinesische Züge (bis auf eben diese Sitzplätze) in der Regel 6 bis 7 Tage im Voraus bereits ausverkauft sind, eigentlich hätte zögern lassen sollen.

Da die chinesische Bahn als verhältnismässig pünktlich gilt und der Verkehr in Peking mörderisch ist, haben wir uns (ganz nach Schweizer Manier) am Tag unserer Abreise sehr zeitig auf den Weg zum Bahnhof (einer von vier) gemacht. Dort angekommen, haben wir als erstes auf der Anzeigetafel lesen müssen, dass von geschätzt 200 Zügen zwar tatsächlich nur drei mit Verspätung erwartet wurden, einer davon aber unserer war… Die drei Stunden zusätzliche Wartezeit waren dann dank Beobachtung des äusserst unterhaltsamen Treibens recht kurzweilig und unser Zug wurde schliesslich endlich aufgerufen. Wir waren auch nicht weiter erstaunt, als beim Aufruf sofort alle chinesischen Fahrgäste aufgesprungen und zum „Gate“ (chinesische Bahnhöfe funktionieren ähnlich wie Flughäfen; sogar inklusive Pass- und Gepäckkontrolle) gerannt sind (machen die nämlich immer so; egal ob im Flugzeug, in der U-Bahn oder im Bus). Wären wir mal lieber nicht so naiv gewesen… Im Gegensatz zu den Schlaf- und Liegewagen, für welche genau nur so viele Tickets verkauft werden, wie Betten zur Verfügung stehen, verdient der „Sitzbereich“ diesen Namen nicht, da die Anzahl der verkauften Fahrkarten hier in keiner Relation zum Platzangebot zu stehen scheint… Man stelle sich einen Schweizer Zug von Zürich nach Winterthur an einem Wochentag zwischen 16:00 und 17:00 vor, multipliziere die Anzahl der Passagiere (stehend und sitzend) mit drei und addiere die Fläche der Gepäckablage und der Kopflehnen (für alles Mögliche genutzt) hinzu…et voila, man hat die Auslastung eines chinesischen Abteils. Wer nun hofft, dass nach der ersten Station viele Leute aussteigen (was im Beispiel Zürich-Winterthur ja auch der Fall wäre), der wird immer wieder eines besseren belehrt… Unsere Meinung, dass Araber eine unübertreffliche Fähigkeit im Vollstopfen von Fahrzeugen haben, wurde erfolgreich wiederlegt!

Dank einer Sitzreservation (haben die meisten aus Kostengründen nicht) und der Unterstützung von Einheimischen, welche höchstwahrscheinlich Mitleid mit den rucksackbepackten Westlern hatten, haben wir die lange Fahrt trotzdem einigermassen gut überstanden und sind gut in Datong angekommen. Dort haben wir einige sehr interessante buddhistische Höhlentempel (Yungang-Caves) aus dem vierten Jahrhundert vor Christus angeschaut, bevor wir mit dem Bus nach Wutai Shan, einer sehr bekannten, riesigen buddhistischen Klosteranlage (besteht aus mehr als 60 Tempeln) in den Bergen von Shanxi (Name der Provinz, in welcher sowohl Datong, wie auch Wutai Shan liegen) weitergefahren sind.

Leider war das Wetter in den Bergen nicht auf unserer Seite (es hat praktisch immer geregnet). Da Wutai Shan auch sonst nicht gerade der Place-to-be ist (abgesehen von einigen wenigen „buddhistischen“ Reisegruppen verirrt sich kein Chinese hierher, ganz zu schweigen von ausländischen Touristen), konnten wir uns etwas erholen und die wichtigsten Tempel in Ruhe angucken, bevor es mit dem Nachtzug weiter nach Pingyao ging (dank „soft sleeper“, d.h. Bett im 4-Bett-Abteil MIT Türe, verlief diese Fahrt recht angenehm).

In Pingyao gibt es keine speziellen Sehenswürdigkeiten. Die Stadt selbst ist hier das Highlight, da sie architektonisch so gestaltet ist, wie sich der durchschnittliche Westler eine (traditionelle) chinesische Stadt vorstellt: asiatische Häuschen mit abgeschotteten und grosszügigen Innenhöfen, schmale Gässchen mit Fahrrädern (keine Autos oder Motorräder!), etc.

Xian, unser letztes Ziel (und Hauptstadt der Provinz Shaanxi, nicht zu verwechseln mit Shanxi), erreichten wir wiederum mit dem Nachtzug, wobei wir unser Quartier dieses Mal im „hard sleeper“ bezogen: jedes „Abteil“ besteht aus sechs Betten (dreistöckig auf beiden Seiten), Türen gibt es keine. Dank „chinesischem Anstand“ und chinesischem Anstand (siehe weiter unten für Erläuterungen) nicht gerade die erholsamste Nacht, nichtsdestotrotz aber tausendmal besser als ein Sitzplatz J Xian selbst ist wieder vergleichsweise beliebt bei Touristen, da man hier die Terrakotta-Armee gesehen haben muss. Diese Legion aus Soldaten-Nachbildungen wurde vom ersten chinesischen Kaiser in Auftrag gegeben und sollte ihm auch über seinen Tod hinaus die Kontrolle über ein gewaltiges Heer garantieren. Da die Grabanlage inklusive der tausenden von Figuren durch seine Nachfolger aber zerstört und erst vor ein paar Jahren von Bauern entdeckt wurde, werden die Ausgrabungen (welche man live vor Ort mit verfolgen kann) wohl noch Jahre dauern (jede Figur ist ein Unikat; das Ausgraben und Zusammensetzen der einzelnen Teile dauert pro Soldat ca. 6 Monate!).

Abschliessend möchten wir natürlich auch unseren „Kuriositäten-Teil“ auf dem neusten Stand halten:

– „Chinesischer Anstand“ (nicht zu verwechseln mit chinesischem Anstand; siehe unten): Eigentlich ein Oxymoron, da schlicht nicht vorhanden. Man macht überall und jederzeit Fotos von allem (ist ja kein Problem) und JEDEM (!!!) und zwar meistens ohne vorher zu fragen (vor allem Jenny ist bei Männern wie Frauen ein beliebtes Motiv); gespuckt wird was das Zeug hält, auch dort, wo es eigentlich verboten ist (Bahnhöfe, etc.); lautstarkes Schmatzen (und zwar wirklich laut!) gehört beim Essen dazu, auch für Nahrungsmittel, welche dies NICHT erfordern (wenn man Nudeln mit Stäbchen isst, ist Schmatzen evtl. ja noch normal…); Nachtruhe im „hard sleeper“ gibt es frühestens eine halbe Stunde nachdem das Licht ausgeschaltet wurde (normalerweise gegen 23:00) und maximal bis es wieder eingeschaltet wird (ca. morgens um fünf), vorher und nachher wird munter palavert, gegessen und gespuckt (ja, auch im Zug). Und auch während der Nacht werden Anrufe aufs Handy selbstverständlich (lautstark) entgegengenommen

– Chinesischer Anstand: Kommen wir zu dem Teil Anstand, der auch als solcher bezeichnet werden kann und starke Ähnlichkeiten mit typisch Schweizerischen Zügen aufweist: dem Nichts-sagen! Obwohl sich ihre Landsleute teilweise völlig daneben benehmen (siehe oben), beschwert sich keiner der Betroffenen in irgendeiner Weise, d.h. die Störenfriede können völlig unbehelligt ihr Unwesen treiben. Einziger Vorteil bei dem Ganzen: Hat man sich erst einmal an alles gewöhnt, beginnt man selbst Dinge zu tun, welche man zu Hause aufgrund guten Anstandes evtl. unterlassen würde (z.B. ungefragt Fotos von anderen Leuten zu machen; bspw. von Babys mit „gelochten“ Hosen; siehe Jenny’s Beitrag)

– Erziehung = Fehlanzeige (auch „1-Kind-Politik“ genannt): Eine Steigerung des oben erläuterten „chinesischen Anstands“ findet sich bei den Kindern: Da es bis vor einigen Jahren nicht erlaubt war, mehr als ein Kind zu haben (inzwischen zwar legal, wird aber finanziell immer noch bestraft), geniessen die gezeugten Nachkommen bei fast allen Familien wahrlich einen Prinze(essinne)n-Status. Sie bekommen, was sie wollen und werden praktisch nie zurechtgewiesen (Beispiel gefällig: kleiner Junge auf der Supermarkt-Toilette steht ca. einen Meter vom Pissoir entfernt und spielt „Schüssel-Treffen“; natürlich nur mit mässigem Erfolg, so dass „das Geschäft“ grösstenteils am Boden landet…der Papa, welcher daneben steht, verliert darüber kein Wort…)

– Zensur: Zeitungen sind – abgesehen von englischen Übersetzungen der grössten staatlichen Blätter – nur in Chinesisch erhältlich, berichten sehr objektiv („in Syrien demonstrieren ein paar Studenten gegen die Regierung. Ist aber alles nicht tragisch“) oder überhaupt nicht bezüglich ausländischen Angelegenheiten, die rund 30 staatlichen TV-Sender informieren vor allem über wirklich wichtige Dinge („in Peking haben 2 Studenten die XY-Uni in 2.5 Jahren statt der normalen vier abgeschlossen“) und nicht über das Nebensächliche („die 2, 3 kleinen Überschwemmungen im Süden des Landes sind nicht weiter schlimm). Alles hat eben seine Richtigkeit (Anmerkung: Wer Ironie findet, darf sie behalten)

– Geldbeschaffung in ländlichen Gebieten: „Visa? Mastel-Cald? No, no.“ „Dann möchten wir Dollar wechseln.“ “US-Dollal? No, no.” „Gibt es denn eine andere Bank in der Nähe?“ „Othel Bank? No, no.“ Fazit der Geldbeschaffung auf dem Lande: „No, no.“

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