Borneo (Sabah & Brunei) by Nicola: Vom Höhen- und Dschungelfieber zur gepflegten Langeweile

Ein weiteres Mal brachte uns der (angeblich beste) Billigflieger mit dem roten Logo zum nächsten Ziel unserer Reise: der Insel Borneo. Voller Vorfreude auf die Heimat der Orang Utans sind wir in Kota Kinabalu gelandet, der grössten Stadt des malaysischen Teils von Borneo mit dem Namen Sabah. Und wir wurden erstmal so richtig enttäuscht: denn Kota Kinabalu ist hässlich, laut (zum ersten Mal in unserem Leben waren wir in einer Stadt, welche wirklich nie schläft) und stinkend (an unserem ersten Abend wollten wir an der Hafenpromenade essen, wurden vom heftigen Fischgestank – welcher wohl bemerkt nicht von unseren Tellern stammte – aber ins Innere des Restaurants getrieben). Dieses Bild konnten auch die hübsch dekorierten Weihnachtsbäume nicht retten, welche in der ganzen Stadt verstreut stehen und oft von Palmen umgeben sind. Positiv überrascht wurden wir hingegen von der grossartigen “Hostel- und Rucksacktouristenkultur”, welche wir im eher backpackerunfreundlichen Indonesien so schmerzlich vermisst hatten. Zwar bedeutet dies, dass man sich Toiletten und Duschen wieder mit anderen teilen muss, dass es den ganzen Tag nach Fussschweiss stinken kann und morgens mit grosser Wahrscheinlichkeit kein (Gratis-) Kaffee mehr da ist, andererseits aber auch, dass man unter Umständen spannende Leute kennenlernt, “Reisemitglieder” für den nächsten Ausflug findet oder eventuell sogar wieder einmal die Kenntnisse der Muttersprache auffrischen kann.

Dass wir trotz dem vorherrschenden Industriecharme der Stadt für einige Tage in Kota Kinabalu geblieben sind, verdanken wir der Vor- und Nachbereitung unseres nächsten grossen Abenteuers: der Besteigung des Mount Kinabalu. Dieser ist mit seinen 4095 Metern Höhe der zweithöchste Berg von Südostasien. Und da er als gut erschlossen und der Aufstieg als technisch anspruchslos gilt, haben auch wir uns zum Ziel gesetzt, noch vor Südamerika einmal einen Sonnenaufgang auf über 4’000 Metern zu sehen. Da wir seit unserer Exkursion in die Tigersprungschlucht in China jedoch wissen, dass “technisch anspruchslos” nicht heisst, dass jeder Bürogummi hochklettern kann, mangelte es uns nicht an Respekt und Vorbereitung (unter anderem aus diesem Grund haben wir in Indonesien die beiden Vulkane bestiegen). Und dies erwies sich als bitter nötig: denn “technisch anspruchslos” bedeutet im Falle des Kinabalu eine zweitägige Tour mit insgesamt 8 Stunden Stufensteigen (teils natürliche Stufen in Form von Steinen, teils von Menschenhand geschaffen), 4 Stunden Wandern im 45-Grad-Winkel und 2 Stunden ungesichertes Klettern. Da es kontinuierlich bergauf geht, legt man am ersten Tag 6 Kilometer mit 1’500 Höhenmetern zurück, in deren Verlauf man ganz verschiedene Vegetationszonen durchquert (Regenwald, Nebelwald, etc.), ruht sich dann zusammen mit einer bunten Horde von Gleichgesinnten für ein paar Stunden in einer Berghütte aus (vom 60-jährigen “Hightech-Chinesen” ohne Kondition, über Vertreterinnen der “Kopftuch-Connection”, bis hin zur indischen Familie mit zehnjährigen Kindern ist alles dabei; wir haben Glück gehabt und unser Zimmer mit zwei netten Schweizern geteilt), bevor man morgens um 02:30 den Gipfelsturm (weitere 2.5 Kilometer mit rund 800 Höhenmetern) in Angriff nimmt. Dass unsere konditionelle Verfassung nicht so schlecht war, wie befürchtet (wir nehmen immer noch unsere Malariaprophylaxe, welche unter anderem die Kondition negativ beeinträchtigt), haben wir daran gemerkt, dass wir als zweite Gruppe auf dem Gipfel angelangt sind…leider bedeutete dies auch, dass der Sonnenaufgang noch weit entfernt und unser vorübergehendes Dasein als Eisblöcke damit besiegelt war (die Temperaturen lagen im Bereich um den Gefrierpunkt) Smiley. Auch die Freude über die vollbrachte Leistung sollte nur kurz währen, denn das Schlimmste stand uns noch bevor: der Abstieg. 8.5 Kilometer und 2’300 Höhenmeter später konnten wir kaum noch gehen, verfluchten jede einzelne Stufe, benutzten jeden Baum und jede Wurzel als Stütze und waren froh, noch einmal zwei Nächte im hässlichen Kota Kinabalu – welches einem ja gar nicht erst einen Reiz bietet, das Haus zu verlassen – gebucht zu haben. Gelohnt hat es sich aber allemal!

Da die Schmerzen auch nach zwei Tagen noch nicht wesentlich nachgelassen hatten und auch zu diesem Zeitpunkt jede 80-jährige Dame schneller und eleganter eine Treppe hinauf- oder hinuntergestiegen wäre, waren wir froh, dass Sandakan, die nächste Destination auf Borneo, ein beschauliches und gemütliches Hafenstädtchen ist, in welchem man gut ein paar Tage mit Shoppen, Essen (unter anderem haben wir auch einige, uns bisher völlig unbekannte Fruchtsorten probieren dürfen) und sogar Ausgehen zubringen kann, ohne das Gefühl zu haben, etwas zu verpassen. Weil all diese “Attraktionen” – von der wunderschönen Bar auf dem Dach des höchsten Hotels einmal abgesehen – ebenerdig liegen oder sehr gut mit Rolltreppen erschlossen sind, blieb uns mühseliges Treppensteigen grösstenteils erspart und unsere geschundenen Beine regenerierten sich allmählich Smiley. Die wiedergewonnene Bewegungsfreiheit musste natürlich sofort genutzt werden und so machten wir uns zusammen mit zwei Holländern und zwei Schweizern auf, um die lokale Orang Utan – Aufpäppelungs- und Forschungsstation in Sepilok zu besuchen. Leider ist diese Sehenswürdigkeiten sehr touristisch, weshalb man sich die Aussichtsplattform während den Fütterungszeiten (= einzige Gelegenheit, die Affen zu sehen) mit gefühlt 100 anderen Menschen teilen und seinen Platz gegen die chinesischen Gruppentouristen verteidigen muss (die sind ausserhalb von ihrer Heimat noch viel die schlimmeren Drängler! Glücklicherweise sind sie aber nach wie vor kleiner als wir Smiley). Zum Glück waren wir eine halbe Stunde vor allen Tourgruppen beim Eingang der Einrichtung, da wir ansonsten den Ausflug eines der Orang Utans auf den Parkplatz verpasst hätten. Und auch nach der Fütterung hatten wir Glück im Unglück: wieder auf dem Parkplatz angekommen mussten wir nämlich feststellen, dass von dem angepriesenen Bus, welcher zwischen Sepilok und Sandakan verkehrt, weit und breit nichts zu sehen war. Da kam uns die Gruppe australischer Internatsschüler, welche im gleichen Hostel einquartiert war und dort die gesamte Atemluft mit ihren Käsefüssen verpestete, ausnahmsweise gerade recht, da sie noch sechs freie Plätze in ihrem Tourbus hatten Smiley

Nach so viel Erholung wollten wir natürlich die Orang Utans und diverse andere Tierarten auch einmal in freier Wildbahn erleben. Und da dies im Osten Borneos entlang des Kinabatangan (längster Fluss auf Borneo) angeblich möglich ist, haben wir bei einem entsprechenden Anbieter ein Zweitagespacket, bestehend aus Übernachtungen, Mahlzeiten, zwei Flussfahrten und zwei Dschungelwanderungen, gebucht. Doch bereits am Besammlungspunkt in einem kleinen Dörfchen folgte die Ernüchterung. Unsere (obligatorische) “Reiseführerin” war geschätzte fünf Jahre jünger als wir, hatte so ein loses Mundwerk, dass es sogar Nicola die Sprache verschlagen hat (kommt nicht oft vor Smiley), glänzte durch äusserst inkompetente Aussagen (“mit Chilli kann man Krebs heilen”), hörte schlecht zu (nachdem Nicola erzählt hat, dass er bereits sieben Monate in Ägypten gearbeitet hat, meinte die Dame, dass man bezüglich Muslimen wissen müsse, dass diese keinen Alkohol trinken würden…aha, haben wir nicht gewusst…) und fiel einem dauernd ins Wort! Und so eine sollten wir die nächsten Tage ertragen, geschweige denn unsere Expertin sein?!?! Da das Fräulein darüber hinaus auch keinerlei Ahnung von Flora und Fauna des Regenwaldes hatte (auf der Flussfahrt las sie uns die Eigenschaften und Merkmale der gesehenen Vögel und Affen aus einem Biologiebuch vor) und darüber hinaus auch an Zerstörungswut zu leiden schien (beim morgendlichen Dschungelspaziergang hat sie mit der Machete völlig grundlos auf Bäume eingehackt), kam es wie es kommen musste: bereits nach einer Nacht verlangten wir, dass die Tour abgebrochen werden würde. Und obwohl die Übernachtung im nächtlichen Dschungel aufgrund der zahlreichen Tierlaute sehr spannend war und wir während der Flussfahrt so einige Tierarten erspähen konnten (seltene Nashornvögel, Makaken und Nasenaffen), waren wir doch froh, die blutsaugenden Moskitos und Egel, sowie unsere Führerin nicht länger ertragen zu müssen… Der Fahrer des Busses, welcher uns am Strassenrand aufgabelte, schien denselben Stalldrang zu verspüren wie wir: anders lässt sich nicht erklären, dass er die Strecke zurück nach Kota Kinabalu in knapp sechs Stunden zurückgelegt hat. Normalerweise benötigt man dafür nämlich deren neun!

Nach zwei moskitofreien Tagen im Westen von Sabah ging es dann per Fähre ins nächste Land: das Sultanat Brunei. Dieses kleine aber reiche Fleckchen Erde ist für uns nach wie vor faszinierend, da wir bisher noch nie an einem vergleichbaren Ort waren: offiziell regiert von einem der reichsten Männer der Welt (Privatvermögen ca. 20 Milliarden), muss hier keiner der knapp 400’000 Einwohner Hunger leiden: alle haben einen (äusserst gemütlichen) Job, auch wenn die Firma selbst unrentabel ist. Denn das Defizit wird vom Staat gedeckt! Die jährliche Krankenkassenprämie wurde dieses Jahr zwar um unverschämte 100% erhöht, beträgt weiterhin aber lediglich einen (!!!) Dollar. Benzin kostet viermal weniger als Wasser (der Liter ist für etwas mehr als 20 Rappen zu haben), das Essen ist äusserst preiswert und Steuern bezahlt hier sowieso niemand! Als Tourist profitiert man von der staatlichen Grosszügigkeit allerdings nur, wenn man Museen besucht. Diese sind nämlich auch gratis. Im Gegensatz dazu stehen die Preise für Unterkünfte (wenn man nicht in einer Bruchbude übernachten will, muss man ca. 60 Brunei-Dollar pro Nacht bezahlen) und geführte Touren (Tagesausflüge für 100 Dollar aufwärts). Die einzige Transportalternative in Form von Bussen ist zwar günstig, dafür aber sehr unzuverlässig und zeitlich von morgens um 06:00 bis abends um 18:00 begrenzt, wodurch man in seiner Flexibilität bezüglich Sightseeing, ausgehen, etc. stark beschränkt ist. Und sollte man darüber hinaus das Pech haben, an einem Freitag Mittag zwischen 12:00 und 14:00 in einem Shoppingcenter fern des eigenen Hotels zu sein, erlebt man die speziellste Regelung dieses Landes hautnah im vollen Ausmass: diese Zeit bezeichnet das wöchentliche Hauptgebet und währenddessen IST ARBEITEN GESETZLICH VERBOTEN! Ja, richtig gehört! Alle Geschäfte, inklusive Restaurants, Hotelrezeptionen, etc. schliessen dann für zwei Stunden und werfen alle Kunden auf die Strasse! Weil auch Busse nicht fahren, hängt man im dümmsten Fall irgendwo in einer Hotellobby herum und sitzt die Zeit ab (so bei uns geschehen). Da überdies auch der Verkauf und Konsum von alkoholischen Getränken strengstens Verboten ist (auf den Konsum stehen 6’000 Dollar Busse, auf den Verkauf sogar die Todesstrafe!), wird Brunei wohl nie unsere Traumdestination werden Smiley

Nun wollen wir uns ja aber nicht nur beklagen, denn Brunei hat (zumindest für ein, zwei Tage) so einiges zu bieten: zwei riesige und imposante Moscheen (Omar-Ali-Saifuddin- Moschee und Jame’Asr-Hassanal-Bolkiah-Moschee) mit goldverzierten Kuppeln und gigantischen Parkplätzen davor (sie haben ein Fassungsvermögen von 1’000 bzw. 4’500 Gläubigen) laden auch Nicht-Muslime zum Besuch, das – auch heute noch bewohnte – traditionelle Dorf “Kampong Ayer” zeigt eindrücklich auf, wie die meisten Menschen auf Borneo früher gelebt haben und die verschiedenen Museen demonstrieren auf beeindruckende Weise den Pomp und die Geschichte des Sultanats. Vom Besuch des Shell-Museums in Seria (die Firma kontrolliert aus unserer Sicht das Land indirekt, da ihr 50% der Aktien der staatlichen Ölgesellschaft gehören) raten wir jedoch ab, da es a) eine zweistündige Busfahrt entfernt ist b) als einziges Museum Eintritt kostet (als ob Shell das nötig hätte…) und c) nur die Firma selbstverherrlicht.

Und wenn einem einmal alle Besichtigungsmöglichkeiten ausgegangen sind, geht man halt in einer der zahlreichen Shoppingmalls ins Kino und schaut sich “the Hobbit” an Smiley Und falls man sogar zu den ganz Glücklichen zählen sollte (so wie wir), wird man von den liebenswerten Einheimischen beim Besichtigen einer Moschee noch gleich zur Teilnahme an einer Hochzeit eingeladen.

PS: Die aktuellste “Brunei-Erfahrung” durften wir gerade soeben machen: Vor ca. eineinhalb Stunden (19:15 Ortszeit) verliessen wir das Restaurant und machten uns auf den Weg zum Taxistand (wir wissen ja bereits, dass Busse nur bis 18:00 fahren…). Dort angekommen mussten wir jedoch feststellen, dass Taxis am Stand ebenfalls nur bis 18:00 verfügbar sind. Und um das Ganze noch zu komplementieren, erhielten wir auch von der angerufenen Taxizentrale die Auskunft, dass man nach 18:00 nicht mehr arbeiten würde… Yeeeeaaah, wir brauchen dringend einen Job in Brunei Smiley

2 Gedanken zu „Borneo (Sabah & Brunei) by Nicola: Vom Höhen- und Dschungelfieber zur gepflegten Langeweile

  1. Hallo ihr zwei Weltenbummler
    Wir wünschen euch noch tolle Tage, der Weltuntergang ist ja zum Glück nicht eingetroffen, im alten Jahr, einen guten Rutsch in einer anständigen Unterkunft mit einem guten Essen und dann alles Gute im 2013, Happy and safe travelling. Von einem Veteranen-Tramperpaar, die momentan auf der Insel Ko Chang in ihrer 2. Heimat überwintern. Liebe Grüsse von Monique und Christian

    • Hallo liebes Veteranen-Tramperpaar
      Wir wünschen euch ebenfalls ganz schöne Festtage in der Wärme. Weihnachten planten wir ursprünglich im Dschungel auf der Insel Bohol in den Philippinen. Kurz nach Ankunft mussten wir jedoch leider wieder abbrechen, da wir aufgrund eines Unfalles von Nico am 24. gezwungenermassen in eine Unterkunft mit guter Ausstattung und ärztlicher Betreuung wechseln mussten. Wenigstens bedeuted dies, dass wir jetzt 4 Tage Luxus-Weihnachten haben :-).
      Liebe Grüsse Nicola und Jenny

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